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Abholzung bedroht Welterbe im Herzen Madagaskars

Holzhandwerk der Zafimaniry soll geschützt werden / 47 "Meisterwerke traditioneller Weltkultur" / Deutschland nicht vertreten

Von Klaus Heimer, Antananarivo

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Der Wind peitscht den Besuchern Nieselregen ins Gesicht. Es ist ungemütlich kalt, die Kleidung ist schnell klamm und die Schuhe sind durch das Marschieren in Rinnsalen innerhalb kurzer Zeit klitschenass. Wer Dörfer des Volksstammes der Zafimaniry in einem abgelegenen Teil des Hochlandes der Tropeninsel Madagaskar besuchen will, darf wahrlich nicht aus Pappe sein. Im zentralen Ort Antoetra, zu dem die Strasse von Ambositra, der Hauptstadt des Kunsthandwerks, inzwischen ausgebaut ist, empfangen lärmende und aufdringliche Kinder inmitten des allgegenwärtigen Schlammes die deutsche Gruppe, deren Mitglieder die traditionelle Holzschnitzkunst der Zafimaniry vor Augen hat, die von der UNESCO in die Liste der nun insgesamt 47 "Meisterwerke traditioneller Weltkultur" aufgenommen wurde, welche als Ergänzung zum Welterbeprogramm gedacht ist.
Angesichts der nervigen "Belagerung" ist es ratsam, beim Dorfchef das "Eintrittsgeld" von 10.000 Franc Malagasy (knapp ein Euro pro Person) zu zahlen und sich auf den Weg zum nächsten Ort Ifasina zu machen. Den bettelnden Mädchen und Jungen ist die Witterung in rund 1900 Metern an diesem Tag zu schlecht, sie bleiben schnell zurück und nach wenigen hundert Metern herrscht himmlische Ruhe. Bergauf und bergab führt der Weg, vorbei an typischen Pflanzen und Grabmälern der Bewohner. Ein Kreuzweg der katholischen Gemeinde führt in die unwirtliche Wildnis. Es handelt sich hierbei keineswegs um Ruhestätten früherer Wanderer, wie der einheimische Führer scherzhaft anmerkt. Das Picknick fällt spärlich aus. Der Regen, der von allen Seiten zugleich zu kommen scheint, treibt die Gruppe vorwärts. Hin und wieder eilen Madagassen mit Plastikbehältern, die den lokalen Rum (Toaka Gasy) enthalten, vorbei Richtung Antoetra, wo das berauschende Getränk Abnehmer findet. Nur kurz reißt die Wolkendecke auf und gibt den Blick auf das Ziel frei. Mehr rutschend und schlitternd als aufrecht gehend erreichen die Besucher mit dem Pfälzer Reiseveranstalter Klaus Sperling von roadhouse voyages, Antsirabe an der Spitze das Dorf und machen direkt dem "Tangalamena" ihre Aufwartung. Jedes Dorf hat seinen eigenen König. In seinem aus Edelhölzern errichteten Haus, das wie alle anderen in Nord-Süd-Richtung gebaut wurde, leben mehrere Generationen unter einem Dach. Eines haben alle Gebäude gemeinsam: Es wird kein Nagel verwendet und alle sind demontierbar. Der nach eigenen Schätzungen 78-jährige Chef, der schon in der Hauptstadt Antananarivo, an der Ost- und Westküste der Insel war, heißt die Gruppe willkommen. Er ist wieder an seinen Geburtsort zurückgekehrt, "in dem ich wie meine Vorfahren sterben möchte". Es folgt das übliche "Kabary" mit Rede und Gegenrede. Vor dem Rundgang fordert unser "Tangalamena" noch einen kräftigen Obolus für den Bau eines Schulgebäudes, mit dem gerade begonnen wurde. 480 Bewohner zählt der Ort, davon sind immerhin 118 jünger als 18 Jahre.
An vielen Türen und Fenstern des lebenden Museums ist die alte Schnitzkunst noch zu sehen, welche Einblick in die Weltanschauung der Bewohner gibt, die hier seit Generationen im Einklang mit der Natur leben. Das Abholzen der letzten Wälder, deren Holz zu Kohle verarbeitet wird, lässt die Umgebung jedoch in rasendem Tempo buchstäblich in Rauch aufgehen und zerstört die wirtschaftlichen Grundlagen der Zafimaniry. Alle im Haushalt benötigten Behältnisse wie Geschirr, Bienenkörbe sowie kunstgewerbliche Arbeiten (Skulpturen, Vögel etc.) entstehen mit einfachstem Werkzeug aus dem meist endemischen Holz der Umgebung. Dem rund 25000 Personen umfassenden Mischvolk der ethnischen Gruppen Merina, Betsileo und Tanala ist es übrigens unter anderem verboten ("fady"), die seltenen Lemuren zu töten und zu essen, da diese wie die Menschen Hände und Fingernägel aufweisen.
Die Bemühungen der madagassischen Regierung gehen mit internationaler Unterstützung dahin, die alte Kunst des Holzhandwerks, die in Gefahr ist, auszusterben, für die Nachwelt zu erhalten. Im Mai 2001 hat die UNESCO erstmals 19 "Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit" benannt, die bewahrt werden sollen. Im November 2003 wurden 28 Neueinträge registriert, die nächste Auswahl ist 2005 vorgesehen. Deutschland hat bislang laut UNESCO keine Kulturgüter für die "Liste der Meisterwerke" nominiert.
Über die Auswahl entscheidet jeweils eine internationale Jury, die unter anderem folgende Kriterien bewertet: Herausragender Wert, die Verwurzelung in der jeweiligen Kulturtradition und die Bedeutung für die kulturelle Identität der jeweiligen Gesellschaft oder Gemeinschaft. Weitere Gesichtspunkte sind die Bedeutung des immateriellen Kulturguts als Quelle von Inspiration und interkulturellem Austausch, die heutige kulturelle und soziale Rolle sowie die Qualität in der Ausübung künstlerischer und handwerklicher Fertigkeiten. Auch wird überprüft, ob es sich um ein Zeugnis von gelebter Kultur handelt und inwieweit die betreffende Kulturform vom Aussterben bedroht ist. Mit der Aufnahme in die Liste verpflichten sich die jeweiligen Staaten zur dauerhaften Erhaltung ihrer traditionellen Kulturgüter.
Vertreten sind in der "Liste der Meisterwerke" unter anderem der Karneval von Binche in Belgien, die Aufführungen baltischer Lieder und Tänze in Estland, Lettland und Litauen, das sizilianische Marionettentheater „Opera dei Pupi“ in Italien, die Kreuzschnitzkunst und ihre Symbolik in Litauen, der Kulturraum des Djema el Fna in Marrakesch/Marokko, die Mysterienspiele von Elche/Spanien, der Kulturraum von Boysun in Usbekistan, das Königliche Ballett von Kambodscha, die Tradition der türkischen Epen- und Märchenerzähler, die vietnamesische Hofmusik "Nha Nhac" oder die rituellen Gesänge und Tänze der Aka-Pygmäen in der Zentralafrikanischen Republik. .



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