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Wanderung im Hochland ist auch eine Zeitreise

"Sanfter Tourismus" bietet Einblick in das Leben der Bewohner in diesem Teil Madagaskars / Pascal ist ein profunder Kenner seiner Heimat

Von Klaus Heimer, Antananarivo

Vakinanakratra            Vakinankaratra

Der Landwirtschaftsfachmann Pascal ist 46 Jahre und ein profunder Kenner seiner Heimat. Vor einigen Jahren hat er sich mit gleichgesinnten Partnern zusammengetan, um den "sanften Tourismus" im Hochland der Tropeninsel Madagaskar zu fördern. Die Region 170 Kilometer südlich der Hauptstadt Antananarivo hat auf den ersten Blick nichts Spektakuläres zu bieten. Es gibt weder Naturreservate mit possierlichen Lemuren und anderem endemischen Tierarten noch die exotische Ferienidylle der Küstenstrände. Doch es sind gerade die kleinen Besonderheiten, die eine mehrtägige Wanderung in 1500 bis 1800 Metern Höhe zu einem besonderen Erlebnis machen und immer mehr Besucher anlocken.
Pascal und der Student Jose holen die deutsch-spanische Gruppe des aus der Pfalz stammenden Reiseveranstalters Klaus Sperling am frühen Morgen ab und in der Nähe des Kratersees Andraikiba, zehn Kilometer vor den Toren der Edelsteinmetropole Antsirabe, werden die Wanderschuhe geschnürt und die Rücksäcke umgeschnallt. Vorbeikommende Madagassen, die auf dem Weg zum nahen Markt sind, entbieten den bleichgesichtigen "vazaha" (= Fremder, Europäer, Weißer) auf der staubigen Piste einen freundlichen Gruß. Die allgegenwärtigen Zebukarren transportieren Kind und Kegel, doch schon bald sind die Wanderer alleine, umgeben von einer einst grünen, aber immer noch atemberaubenden Natur. Pascal ist in der Gegend bekannt wie der sprichwörtliche "bunte Hund" und so ergeben sich viele nette Begebenheiten und Kontakte mit den hier lebenden Menschen. Keine nervtötenden und aufdringlichen Bettler vom Stamme "Nimm", die diese Art des Broterwerbs einer geregelten Arbeit vorziehen, und keine Autoabgaswolken, die insbesondere in der Hauptstadt die Luft verpesten. Stattdessen frische Luft, dramatische Wolkenbilder als Vorboten der nahenden Regenzeit und himmlische Ruhe. Von den Kraterrändern der Vulkanlandschaft ist aus umliegenden Dörfern das gleichmäßige Hämmern der Schmiede zu hören, die Spaten oder Schubkarren anfertigen. Der Wind trägt zudem Musikfetzen der von Juni bis September veranstalteten Totenumwendungsfeiern herüber.
Die Bauern dieser unwirtlichen Gegend ringen dem ausgelaugten Boden jeden Meter für den Anbau von Mais, Reis und Gemüse ab. Sie müssen die Sünden der Vergangenheit ausbaden: Die unverantwortliche Abholzung mit den nahtlos folgenden Erosionsschäden und die langen Trockenzeiten tragen dazu bei, dass Wohlstand für die meisten Bewohner ein Fremdwort ist. In kleinen Pinienhainen wird gerastet. Am Wegesrand ein Steinhaufen, der auf den ersten Blick nichts Besonderes zu sein scheint. Doch weit gefehlt. Pascal erzählt, dass dieser Ort "fady" (= heilig, tabu) sei, da hier angeblich die Geister von Kindern herumtollen. In einem See, der von einem unterirdischen Fluss gespeist wird, soll der erste madagassische Staatspräsident Tsiranana gebadet und relaxt haben. Alles hat eine Geschichte.
Die typischen Häuser des Hochlandes nahe der Städte sind aus Lehmziegeln gebaut. Fernab der Zivilisation dagegen wird Lehm gut mit Kuhmist gemischt und zu Quadern geformt. Ein preisgünstiger Baustoff, Zement ist nahezu unerschwinglich. Innerhalb weniger Wochen ist ein Haus fertig. Die Lebensdauer der Mauern soll bis zu 50 Jahre betragen, wenn nicht ein besonders heftiger Zyklon Zerstörungen anrichtet und die Bewohner zwingt, ein neues Gebäude zu errichten.
Gut 22 Kilometer geht es bergauf und bergab, am frühen Nachmittag ist das Ziel, der Ort Ambatonikolahy erreicht. Hier wurde ein madagassisches Haus renoviert und mit mehreren einfachen Schlafräumen ausgestattet. Elektrizität und eine Wasserleitung sind noch nicht bis hierher gelangt. Romantisches Kerzenlicht und auf Holzkohlefeuer erwärmtes Wasser zum Duschen mittels einer Schöpfkelle werden ohne Murren angenommen. Das örtliche Küchenteam bereitet eine leckere Suppe mit all dem Gemüse, das hier angebaut wird, zu, rupft ein Hühnchen und auch die Riesenberge Reis fehlen nicht beim Dinner. Flambierte Bananen sind bei sinkenden Außentemperaturen in 1800 Metern Höhe willkommene innere Wärmespender. Früh geht es in die Federn, denn ähnlich wie die Madagassen sind alle mit dem ersten Morgenlicht wieder auf den Beinen. Der unscheinbare kleine Ort hat Mittelpunktfunktion, die man ihm jedoch optisch nicht ansieht. Pascal drängt zum Aufbruch, denn bis zum Mittag müssen weitere 17 Kilometer bewältigt werden. Die Landschaft auf dieser Seite der Berge ändert sich schlagartig. Fruchtbare Erde, ausreichend Wasser und die Nähe von Betafo, dem Zentrum dieser Kornkammer der Insel, 22 Kilometer von Antsirabe entfernt, sorgen für Farbtupfer in der bisher eher tristen Landschaft.
Mattenflechterinnen lassen sich bei der Arbeit ebenso über die Schultern schauen wie Frauen bei der Vorbereitung der Mahlzeit oder Schmiede, die die typischen Spaten für die Bauern aus Metallresten herstellen. Mit Hilfe des Tourismus werden kleine Betriebe dieser Art auf dem Land gefördert. Pascal: "Die Menschen sollen eine zweites berufliches Standbein und damit eine weitere Einnahmequelle erhalten." Bescheidene Anfänge tragen erste Früchte. Die Menschen freuen sich über die Besucher aus dem fernen Europa, die Interesse an ihrer Arbeit und Lebenssituation haben. Geschenke werden ganz bewusst nicht verteilt, um die dann innerhalb kurzer Zeit folgende Bettelei erst gar nicht aufkommen zu lassen. Der Wunsch, einige Fotos zu schicken, wird jedoch gerne erfüllt. Diese erhalten einen Ehrenplatz in jedem Haus.
Der Vulkansee Tritrivakely nahe dem Tagesziel hat ebenfalls eine Geschichte: Hier darf zwar gefischt werden, jedoch nur von schwimmbaren Untersätzen aus, die keinerlei Metallteile enthalten. Ferner dürfen keine Fischreste ins Wasser geworfen werden. Vor langen Zeiten entstanden diese "Fadys", die seitdem von Generation zu Generation mündlich weitergeben werden. Und nach wie vor halten sich alle an die überlieferten Vorgaben. Im nächsten Ort ist eine "Famadihana" in vollem Gange: In regelmäßigen Abständen laden die Familien dieser Gegend zu Totenumwendungsfeiern ein. Alle Angehörigen kommen, um drei Tage zu essen, zu trinken, zu feiern und zu trauern. Höhepunkt ist das öffnen des Grabhauses, in dem oft 40 oder mehr Leichname beerdigt sind. Die sterblichen überreste der Toten, die in diesem Jahr an der Reihe sind, werden herausgeholt, in neue Tücher gewickelt und vor Sonnenuntergang wieder ins Innere getragen. Der Kontakt zwischen Lebenden und Toten ist sehr innig, die Vorfahren erhalten Informationen, was sich verändert hat und was alles seit ihrem Ableben geschehen ist. Tränen und Rum fließen in Strömen, es wird getanzt und gesungen.
An einem nahen Wasserfall wird das Mittagessen genossen. Ein schillernder Eisvogel, der an einen Diamanten erinnert, flitzt vorbei auf der Suche nach Fischen, die Tomatenernte in vollem Gange und Pascal wird nicht müde, auch diesen historischen Platz vorzustellen. Ein früherer adliger Herrscher soll in dem Fluss gebadet haben, seitdem dürfen normale Sterbliche hier nicht mehr ins Wasser steigen. Die Grabstätte eines lokalen Königs hoch über dem Marktflecken Betafo rundet die lehrreiche Exkursion mit Streifzügen in die Vergangenheit ab. Das imposante Grabhaus, das wie alle Gebäude auf der Westseite die Eingangstüre hat, war übrigens vor dem Ableben des Erbauers fertiggestellt. Um den hungrigen Tod zu überlisten, der stets auf der Suche nach Opfern sei, wurde eine Bananenstaude als Nahrung ins Innere gelegt. Wie lange der Trick geholfen hat, ist nicht überliefert...



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