Klaus Heimer   Klaus Heimer

Tatkraft und Wunder helfen im fernen Madagaskar

Ausbildungszentrum des deutsch-madagassischen Vereins Esslingen für 145 Jugendliche feiert zehnjähriges Bestehen / Auch Lob vom Bundespräsidenten

Von Klaus Heimer, Antananarivo

Soltec    Soltec


ESSLINGEN/ANTANANARIVO – Vertreter der deutschen und der Schweizer Botschaft, des Energie– sowie des Erziehungs–/Wissenschaftsministeriums, verschiedener karitativer Einrichtungen und eine stattliche Abordnung aus Esslingen feierten mit mehreren hundert Madagassen im Ausbildungszentrum "Soltec" im Stadtteil Mandrosoa in der Hauptstadt Antananarivo das zehnjährige Bestehen dieser Einrichtung an diesem Standort. Der Gründer und Vorsitzende des inzwischen gut 400 Mitglieder zählenden deutsch–madagassischen Vereins Esslingen, Pfarrer Günter Hekler, durfte sich gleich über drei herrliche Geburtstagsgeschenke freuen: Die von dem Esslinger Autohaus Scheffler und der Kfz–Innung der Region gestiftete Lehrwerkstatt für Automechanik wurde im Rahmen der Feier eingeweiht und wird seit dem gestrigen Montag mit Leben erfüllt. Bundespräsident Horst Köhler würdigte bei seinem Staatsbesuch in Madagaskar im April die engagierte Arbeit durch seinen Besuch und die madagassische Regierung zollte der Ausbildung von Waisen und jungen Leuten aus armen Verhältnissen jetzt ebenfalls ihre Anerkennung. "Alle Beteiligten haben in den zehn Jahren Grosses geleistet", drückt Hekler Zufriedenheit über das Erreichte aus.

Dabei habe es 1996 gar nicht so gut ausgesehen: "Damals hatten wir schwere Sorgen und standen vor einer wichtigen Entscheidung." Bereits im Oktober 1987 wurde die erste Lehrwerkstatt mit Schwerpunkt Metall im benachbarten Stadtteil Talatamaty eröffnet, aus der sich das "College Privé Esslingen" entwickelte. Im Sommer 1995 habe der damalige einheimische Direktor die Zusammenarbeit mit dem Esslinger Verein aufgekündigt und die besten Mitarbeiter entlassen. Alle seien sich jedoch einig gewesen, einen Neuanfang zu starten, trotz des Verlustes des Gebäudes, aller Maschinen und Werkzeuge! Es wurde ein Grundstück mit Haus gepachtet, in dem eine Lehrwerkstatt für Metall errichtet und eine solche für Nähen und Sticken eingerichtet werden konnte. Die Stuttgarter Loge Sarastro spendete damals 25.000 Mark für das Projekt. Heklers Studienfreund Volker Allgoewer aus Tübingen, Logenmitglied und Geschäftsführer der Industrie– und Handelskammer Esslingen, sei der eigentliche Motor zum Aufbau der Berufsausbildungszentrums auf der fernen Tropeninsel gewesen. "Er suchte und sammelte bei Industrieunternehmen Maschinen und Werkzeuge, die heute noch wertvolle Dienste leisten." Ihm zu Ehren heißt die Metallwerkstatt in Antananarivo ab sofort "Atelier Volker Allgoewer".

Im Oktober 1996 wurde die Arbeit mit 20 Jugendlichen aufgenommen. Zu Metall und Holz kamen schnell Nähen und Sticken dazu, dann noch die Sparte Hauswirtschaft/Kochen. Zu jener Zeit sei auch beschlossen worden, Solargeräte zu bauen, um mit der umweltfreundlichen und in Madagaskar im überfluss vorhandenen kostenlosen Sonnenenergie das tägliche Essen für die jungen Leute und die inzwischen 30 fest angestellten Mitarbeiter zu kochen. Günter Hekler: "Bis zum heutigen Tag leisten wir damit unseren kleinen Beitrag, den Holz– und Holzkohleverbrauch auf der schönen Insel zu verringern. Daher auch der Name Soltec (Solartechnik)."

"Ich bin stolz auf meine deutschen Landsleute für diese Initiative", hat Bundespräsident Horst Köhler bei seiner Visite vor einem Halben Jahr ins Gästebuch geschrieben. Pfarrer Hekler fügt hinzu: "Wir sind stolz auf unsere engagierten Mitarbeiter, die in den zehn Jahren Enormes vollbracht haben, und auf die vielen Spender aus Esslingen und Umgebung, ohne die wir all dies nicht hätten schaffen können." Herausgestellt wird insbesondere der Neubau für die Kfz–Lehrwerkstatt. Hekler: "Anfang des Jahres hatten wir die benötigten 12.000 Euro noch nicht auf unserem Konto. Dann geschah das Wunder: Innerhalb von zwei Monaten kam das Geld zusammen, die Halle war finanziert."

Irmhild Gebauer und Inge Hauser (Reichenbach), Thora Albrecht (Esslingen), Martha Gsell (Waiblingen), Heide Lerner (Kernen) und Barbara Meiser (Stuttgart) bereisten gerade mit Ingeborg und Günter Hekler, die noch bis Mitte Dezember in Antananarivo bleiben werden, gut drei Wochen die Heimat von Pfeffer und Vanille. "Wir sind beeindruckt, nehmen viele schöne Erinnerung mit nach Hause und werden in unserem Bekanntenkreis für die Vereinsarbeit werben", zogen die Damen bei der Feier kurz vor dem Heimflug positive Bilanz.

Die verschiedenen Werkstatträume des Zentrums wurden übrigens gerade namentlich der Region Esslingen zugeordnet: Die inzwischen145 Jugendlichen können nun in Pliensau, Berkheim, Zell, Zollberg, Oberesslingen oder auch Mettingen ihre Ausbildung absolvieren.



Soltec    Soltec


nächste Reportage        Reportagen von A – Z

Dem Autor eine Mail schicken

© Klaus Heimer. Ein Nachdruck der Artikel ist nur mit schriftlicher Zustimmung des Autors erlaubt.
Sollte eine Exklusiv-Reportage zu einem speziellen Thema oder die Ausarbeitung einer nicht alltäglichen Studienreise gewünscht werden, bitte per Mail anfordern.