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"Naturschutz geht die ganze Weltgemeinschaft an"

Roter Vari aus Deutschland hat sich in Madagaskar prächtig eingelebt / Bundespräsident: "Was in Madagaskar verloren geht, das geht für die Menschheit insgesamt verloren" / Kölner Biologe vor Ort

Von Klaus Heimer, Antananarivo

Roter Vari    Roter Vari


"Ich heiße Itampolo, wurde am 20. April 2002 in Frankfurt am Main geboren, bin im besten Mannesalter und habe gerade im Botanischen und Zoologischen Garten Tsimbazaza in der madagassischen Hauptstadt Antananarivo die Frau fürs Leben gefunden. Um in die Heimat meiner Vorfahren zu gelangen war es jedoch ein langer Weg. Mit dem Auto ging es von der Mainmetropole nach Paris und dann im klimatisierten Spezialfrachtraum der Air Madagascar in die Heimat von Pfeffer und Vanille. Diplom–Biologe Dr. Christoph Schwitzer aus Köln hat dafür gesorgt, dass es mir unterwegs an nichts fehlte. Am Ziel angekommen, durfte ich sofort meine Lebensgefährtin Tamina, die übrigens in Köln am Rhein geboren wurde, in Augenschein nehmen. Seit 1999 lebt sie nun bereits in Antananarivo. Doch unsere Kennenlernphase wurde zunächst abrupt unterbrochen. Aus mir unerfindlichen Gründen musste ich zwei Tage nach meiner Ankunft morgens erneut in den Reisekäfig und dort solange bleiben, bis mein Tierpfleger das Türchen wieder öffnete. Draußen wimmelte es von Deutschen und Madagassen, darunter Bundespräsident Horst Köhler aus Berlin und etliche einheimische Minister, wie sich herausstellte. Ich habe mich von dem Rummel nicht weiter stören lassen und mich direkt zu Tamina gesellt, da ich ja nicht wusste wie lange die Freiheit diesmal andauern sollte. Die Zuschauer fanden das alles etwas erheiternd. Ich habe jedoch nur meine Pflicht erfüllt und hoffe, dass wir in 102 Tagen Zwillinge bekommen werden. Dann wäre die Familie komplett und das Zuchtprogramm erfolgreich angelaufen."

Diese feierliche übergabe eines seltenen Roten Vari als ungewöhnlichstes und teuerstes Gastgeschenk überhaupt symbolisiere, so der deutsche Bundespräsident bei seinem viertägigen Staatsbesuch, auf einprägsame und deutliche Weise den gemeinsamen Gedanken beider Länder, die ursprüngliche und einzigartige Biodiversität Madagaskars zu bewahren. "Naturschutz geht die ganze Weltgemeinschaft an", betonte das deutsche Staatsoberhaupt. "Denn was in Madagaskar verloren geht, das geht für die Menschheit insgesamt verloren." Die Ausnahmestellung des durch den amerikanischen Animationsfilm "Madagascar" in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit gerückten Inselstaates sei eine besondere Verantwortung für alle und dieses tierische Geschenk auch eine Botschaft an die heimische Bevölkerung, auf ihre bedrohte unmittelbare Umwelt zu achten..

Laut Dr. Schwitzer, seit dem Jahr 2000 stellvertretender Leiter des europäischen Erhaltungszuchtprogramms für diese Lemurenart, gibt es dort in rund 70 Zoos, davon rund ein Dutzend in Deutschland, eine Reservepopulation von etwa 350 Tieren, weltweit sollen es gerade mal 600 sein. Die Zahl der in Freiheit, im Nordosten im Regenwaldgebiet der Masoala–Halbinsel lebenden Roten Varis könne nur schwer geschätzt werden. Dieser Halbaffe mit großen Augen und buschigem Schwanz benötige ein weites Territorium und sei auf hohe Fruchtbäume spezialisiert. Insbesondere der Züricher Zoo mit seiner Masoala–Halle engagiere sich für diese Region der Tropeninsel. Rote Varis gehören, so der Biologe weiter, der zweithöchsten Kategorie bedrohter Arten an.

"Lemuren haben mich schon immer fasziniert", bekennt der 32–jährige in Köln–Nippes geborene Dr. Schwitzer, der seine Diplomarbeit über das "Nahrungsaufnahmeverhalten von Varis im Zoo" verfasst und für seine Doktorarbeit über "Energieaufnahme und Fettleibigkeit bei Lemuren in menschlicher Obhut" in Deutschland und Frankreich bei etlichen Arten in den Futternapf geschaut, Tiere gewogen und sie beobachtet hat. 2003 packte der junge Mann dann erstmals den Koffer, um auf der viertgrößten Insel der Welt im Auftrag eines von Köln initiierten und jetzt 17 Einrichtungen umfassenden Zookonsortiums in Sahamalaza (bedeutet "der berühmte Garten") im Nordwesten der Gewürzinsel die überaus seltenen blauäugigen Mohrenmakis zu erforschen. 18 spannende Monate verbrachten Schwitzer und seine heutige Frau Nora Peters in jener Gegend. "Vom Dschungel ins Standesamt" ging es in einer kurzen Urlaubspause im September 2004, um die "wildeste Ehe des Rheinlands" zu feiern. "Wir haben in der Wildnis fast alle Krankheiten überstanden, die man sich dort holen kann", zieht Schwitzer Bilanz der harten Zeit fernab jeglicher Zivilisation. "Zunächst geht es per Boot in die Natur und dann muss man noch stundenlang wandern."

Der engagierte Lemurenforscher hofft, dass er und seine Frau bald wieder nach Antananarivo kommen und für Conservation International Naturschutzprogramme für die besonders bedrohten Arten koordinieren können. Mit dem früheren Berliner Zootierpfleger Mario Perschke, der seit einigen Jahren für den Vogelpark Walsrode in Tsimbazaza tätig ist, hat Christoph Schwitzer nicht nur eine artverwandte Seele sondern auch einen guten Freund gefunden. Zunächst ist Schwitzer aber als wissenschaftlicher Koordinator für die in Monaco ansässige Organisation "Act for Nature" tätig, die sich zum Ziel gesetzt hat, für den Perrier's–Sifaka, von dem es im Norden der Insel nur noch 900 Exemplare geben soll, ein wirkungsvolles Schutzprogramm auszuarbeiten.

Innerhalb kürzester Zeit hat sich der Kölner Spezialist die Landessprache Malagasy angeeignet, die ihm bereits flott über die Lippen geht. Abseits der Zentren ist dies die einzige Verständigungsmöglichkeit mit den Einheimischen. "Salut Christoph" tönt es im Zoo in der Hauptstadt von allen Seiten, wenn der 32–Jährige auftaucht, der sich privat für Stadtentwicklung, Architektur und Politik interessiert. Im Kölner Zoo, den er seit Kindesbeinen kennt und in dem er 1987 auch den Jugendclub gegründet hat, werden derzeit acht Lemurenarten gehalten. Nach dem Studium hat Schwitzer dort auch immer wieder Informationsstände betreut. Er ist dankbar für die jüngste Geste aus Deutschland, mit dem putzigen Geschenk die Bemühungen um den Erhalt der Natur auf solch prägnante Art und Weise zu fördern. Und im Zoo Tsimbazaza strömten nach der übergabe des Roten Vari die Besucher natürlich zuerst zu den beiden populären "deutschen" Lemuren, die der Ruhm allerdings kalt lässt. Das Pärchen ist ganz mit sich selbst beschäftigt – halt Flitterwochen!



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