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Als Missionarin auf Zeit im fernen Madagaskar

Nele Thiemann (20) aus dem schwäbischen Wolfschlugen betreut in Antananarivo Kinder und Jugendliche in einem Projekt des Ordens der Spiritaner

Von Klaus Heimer, Antananarivo

 Nele Thiemann             Nele Thiemann


"Guten Tag, Nele." In bestem Deutsch begrüßen etliche junge Leute im "Centre Energie" in der madagassischen Hauptstadt Antananarivo die 20-jährige Nele Thiemann aus der schwäbischen Gemeinde Wolfschlugen. Und die "Missionarin auf Zeit" antwortet mit einem ebenso freundlichen "Manao ahoana". Sprachunterricht unter tropischer Sonne ist in diesem Fall keine Einbahnstrasse.

Immer mehr junge Leute zieht es nach der Schule und vor dem Eintritt ins Studium oder ins Berufsleben in die Ferne. Der "andere Dienst im Ausland", ein Freiwilliges Soziales Jahr oder auch der Einsatz als Missionar(in) auf Zeit stehen in der Gunst ganz oben. Bereits lange vor dem Abitur im Sommer 2003 am Hölderlin-Gymnasium Nürtingen hat sich die engagierte Katholikin Nele Thiemann darüber informiert, wo und in welcher Form sie ein Freiwilliges Soziales Jahr leisten könnte. "Ich wollte nach dem Abi was machen und nach Afrika." Nele interessierte sich besonders für die Tätigkeit als "Missionarin auf Zeit", die seit dem Berliner Katholikentag 1980 von verschiedenen Ordensgemeinschaften mit steigender Beliebtheit angeboten wird. Der vor rund 300 Jahren gegründete Orden der Spiritaner, der in über 50 Ländern der Erde mit über 3000 Angehörigen - davon etwa 100 in Deutschland - wirkt, stellte der Abiturientin seine Arbeit mit Kindern und Jugendlichen vor, "die mich sofort angesprochen hat." Während der einjährigen Vorbereitungszeit wurden in Stuttgart-Botnang Seminare über den "schwarzen Kontinent", Kultur, Dritte-Welt-Politik, Psyche oder Liturgie besucht. "Ich habe dann einen Motivationsbrief geschrieben und erklärt, das ich möglichst in einem Projekt mit jungen Leuten und in einem französischsprachigen Land arbeiten möchte." Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. In Madagaskar war eine Stelle frei. Nele Thiemann: "Ich war begeistert und habe sofort zugesagt."

Fast zeitgleich mit der Reifeprüfung wurde das Sparschwein geschlachtet, das Flugticket gekauft und wenig später der Koffer gepackt. Erste Kenntnisse in der Landessprache Malagasy hatte sich Nele vorab selbst in ihrer Heimat mit Hilfe eines Buches beigebracht. Innerhalb kurzer Zeit - im direkten Umgang mit den Seelsorgern und Kindern vor Ort - wächst der Wortschatz enorm an und nach kurzer Eingewöhnungsphase leitet die Missionarin ihre ersten Unterrichtsstunden und gestaltet auch Freizeitaktivitäten. Die Einrichtung "Centre Energie" für derzeit über 80 Mädchen und Jungen aus armen Verhältnissen, die hier ganztägig in Rechnen, Schreiben und Lesen unterrichtet werden und auch ein kostenloses Mittagessen erhalten, wurde 1987 gegründet. In einem Neubau wurden weitere Klassenzimmer und ein Schlafsaal für Straßenkinder geschaffen, die hier abends hinkommen, sich waschen, essen und übernachten. Im Haupthaus sind Lehrwerkstätten für Jugendliche ab 15 Jahren, die töpfern lernen oder einmal als Tischler und Maurer arbeiten möchten. Die gut 30 Jungen wohnen auch hier, bereiten sich selbst ihre Mahlzeiten zu und einige von ihnen werden nach entsprechender Ausbildung als Animateure für die Betreuung der Jüngeren eingesetzt. Spielerisch werden die angepeilten Lernziele bei den Analphabeten angegangen. Die Unterrichtung soll die Kinder auf einen späteren Regelschulbesuch vorbereiten.

"Mitleben, Mitarbeiten, Mitbeten sind die Ziele des Einsatzes eines Missionars auf Zeit", formuliert Nele Thiemann. "Ich kam hierher ohne Arbeit, habe mich umgesehen, geholfen und schnell meine Aufgaben gefunden." Sie gehört zum Kreis der Animateure, die die Arbeit der beiden Pater und der beiden Brüder unterstützen. Der Tag beginnt um 6.15 Uhr, also mit dem Sonnenaufgang, mit einem Gottesdienst der Equipe. Nach dem Frühstück trudeln schon die ersten Kinder ein, die der ganzen Aufmerksamkeit bedürfen. Und an zwei Abenden in der Woche ist Nele dann noch in der angegliederten Herberge, bietet den Straßenjungen Spielmöglichkeiten. "Viele wollen auch einfach nur kuscheln." Zwei junge Männer übernachten mit den Kids, die am Morgen dann wieder die Strassen der Hauptstadt durchstreifen, betteln oder Gelegenheitsjobs annehmen.

In Neles Zimmer erinnert eine stattliche Fotocollage an die Familie und die vielen Freunde zu Hause, die per Mail auf dem neuesten Stand gehalten werden. "Eine meiner Freundinnen, Anja Goldbach aus Nürtingen, wird mich besuchen", freut sich Nele schon jetzt auf das Wiedersehen. Sie habe nur selten die Möglichkeit, Deutsch zu reden. Beim Stammtisch im Goethezentrum, zu dem regelmäßig die Mitglieder der überschaubaren deutschen Kolonie, aber auch Deutsch sprechende Madagassen eingeladen sind, gab es eine große überraschung. Nele Thiemann traf hier Uwe Geyer aus ihrem Wohnort Wolfschlugen, der seit über zehn Jahren auf Madagaskar lebt, mit edlen Steinen handelt und seit kurzem auch Weizenbier braut. "Du bist die Nele aus dem Gässle", fiel die Begrüßung überaus Schwäbisch aus. Die Welt ist halt rund.

Nele Thiemann war seit der Erstkommunion in der katholischen Gemeinde St. Josef in Wolfschlugen als Ministrantin aktiv, gut vier Jahre lang betreute sie eine der Gruppen. Auch in der Pfarrei St. Johannes in Nürtingen engagierte sie sich als Mitglied des Leitungsteams der Ferienlager "Panti" in einem gleichnamigen Kindergarten in den vergangenen zwei Jahren. Im Gymnasium gehörte sie den Arbeitsgemeinschaften Chor, Theater und Kammermusik (Querflöte) an und erhielt bei der Entlassfeier den Ehrenpreis für ausserunterrichtliches Engagement. "Die Eltern haben mich total bei meinem Wunsch unterstützt, ein Jahr ins Ausland zu gehen." Bruder, Vater und Mutter sind ebenfalls in der Pfarrgemeinde aktiv, so im Familienkreis, ferner werden Gottesdienste musikalisch umrahmt. Nele hat bereits konkrete berufliche Vorstellungen: "Ich möchte gerne Kunsttherapie studieren."

In der Gemeinschaft der madagassischen Spiritaner wurde die 20-jährige Deutsche überaus herzlich aufgenommen. Sie erhält den nötigen Freiraum, um sich ihren Neigungen entsprechend entfalten zu können. Ein wichtiges Anliegen der fernen Gemeinschaft ist es, junge Leute auf die Möglichkeit des Einsatzes als MissionarIn hinzuweisen. Informationen gibt es im Internet: www.missionarin-auf-zeit.de





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