Klaus Heimer   Klaus Heimer

Im tiefen Busch Landebahnen aus dem Boden stampfen

Mirco Rühle aus Neu Wulmstorf wechselt von der Lufthansa für ein Jahr zum Missions Flugdienst auf der fernen Gewürzinsel Madagaskar

Von Klaus Heimer, Antananarivo

Mirko Ruehle    Mirko Ruehle


Der 20–jährige Neu Wulmstorfer Fluggerätemechaniker Mirco Rühle hat mit der Entscheidung, nach Ende seiner Ausbildung mit Schwerpunkt Instandhaltungstechnik bei der Lufthansa in Hamburg–Fulsbüttel, auf der fernen Tropeninsel Madagaskar ein freiwilliges soziales Jahr anstelle des Wehrdienstes zu leisten, mehr als nur die rund 8000 Kilometer lange Entfernung von seiner norddeutschen Heimat in den Indischen Ozean bewältigt. Er muss eine regelrechte Zeitreise machen, wenn er von der lärmenden Hauptstadt Antananarivo mit dem Allradfahrzeug rund 1000 Kilometer weiter Richtung Südwesten in das abgeschiedene Dorf Beroroha am Mangoky–Fluss fährt und unter einem schattenspendenden Mangobaum das Camp für die nächsten Wochen aufbaut.

Die Heimat von Pfeffer und Vanille scheint "aus der Zeit gefallen", wenn man ins Hinterland kommt. "Der Kontrast ist wahnsinnig groß", fasst der junge Mann die Eindrücke nach gut fünf Monaten zusammen. Die freundliche Bevölkerung am mit 821 Kilometern längsten Fluss der Insel kommt aus dem Staunen ebenfalls nicht heraus: Etliche "vazaha" (bedeutet in der Landessprache Malagasy "Fremder" oder "Weißer") richten sich in freier Natur häuslich ein, ohne Klimaanlage, ohne richtige Dusche und ohne großartigen weiteren Komfort. Das haben sie hier so noch nie erlebt.

Für den lagererfahrenen Mirco Rühle ist dieser Einsatz "einfach toll". In der Freien evangelischen Kirchengemeinde seiner Heimatstadt, in der er aufgewachsen ist und die Realschule absolviert hat, ist er stets zur Stelle, wenn es darum geht, im Sommer für Kinder und Jugendliche Zeltlager auf die Beine zu stellen. übernachten im Zelt auf harter Erde ist ihm also nicht unbekannt. Bei seiner rund einjährigen Tätigkeit für den Missions Flugdienst wird er unter anderem im tiefen Busch mit einfachstem Werkzeug eine Landebahn für die neunsitzige Cessna C208 regelrecht aus dem Boden stampfen, die dieses Dorf regelmäßig anfliegt, Waren, Post und Medikamente bringt beziehungsweise Missionare oder Personal von Hilfsorganisationen absetzt. Buschpilot Jakob Adolf aus Herten, seit neun Jahren auf der Gewürzinsel, ist es gewohnt auch auf kurzen Buckelpisten relativ sanft aufzusetzen. In Beroroha muss jedoch eine neue längere Landebahn her.

Für Mirco und seine Kollegen heißt es, früh raus aus den Federn. "Bereits um 11 Uhr haben wir 38 Grad im Schatten." Jede Bewegung lässt den Schweiß aus allen Poren rinnen. Dann tut ein Sprung in den nahen Fluss natürlich gut. Mirco hat Glück. Vor Jahren gab es in dem Bereich schon einmal eine Art Landebahn. Jetzt müssen jedoch betonharte, bis zu einem Meter hohe Termitenhügel, Gras und Bäume beseitigt und die seitlichen Markierungen gesetzt werden. Das hört sich leichter an als getan, da keinerlei Planierraupen und ähnliche Maschinen zur Verfügung stehen. "Handarbeit ist angesagt. Und 1000 Meter können ja so lang sein..." Mirco muss da trotz der sengenden Tropensonne schon mal schmunzeln, wenn er an seinen regulären Arbeitsplatz denkt. "Die Abteilung WN 44 der Lufthansa, bei der ich nach der Rückkehr wieder arbeiten werde, übernimmt vor allem für reiche ölscheichs den Innenausbau von Flugzeugen bis hin zur Boeing 747 – 400. Das ist schon ein satter Kontrast zu der Arbeit hier unten." Aber die Begeisterung über die Hilfsflüge des Missions Flugdienstes steht ihm im Gesicht geschrieben. Mirco ist vollwertiges Mitglied des Teams, die Tätigkeit ist vielfältig und das Flugzeug muss natürlich auch regelmäßig gewartet werden. Pilot Jakob Adolf ist dann auch voll des Lobes über das Engagement aller Beteiligten.

Die Dorfbewohner verfolgen vom Ufer aus neugierig das Treiben der "vazaha". Die Maschine des Flugdienstes ist ihnen natürlich seit Jahren vertraut. Doch diesmal haben ihre Freunde ein holländisches Kamerateam und noch ein utopisch wirkendes Luftkissenboot mitgebracht, das ihre aus einem Stamm gefertigten Einbäume natürlich in den Schatten stellt. Dieser Flitzer, der mit bis zu 50 Sachen über Wasser und Sandbänke saust, wird von einer Hilfsorganisation benötigt, deren Mitarbeiter die Ortschaften entlang der Ufer aufsuchen und die Bevölkerung über die Gefahren von Aids oder den lebenswichtigen Einsatz von Moskitonetzen informieren. Und als dann am Vormittag noch der Helikopter der Schweizer Helimission wie eine brummende Hornisse einschwenkt, dann gibt es im nahen Dorf kein Halten. Der Zeitsprung ist perfekt. Viele Bewohner kommen höchstens ein paar Mal in ihrem Leben per Buschtaxi in die Provinzhauptstadt Tulear. Da ist die geballte Technik vor Ort natürlich für sie besser als jeder Fernsehfilm.

Einige der Europäer beherrschen nahezu perfekt die Landessprache Malagasy und schnell kommt es zu intensiven Gesprächen und ungläubigem Gelächter, wenn Fragen beantwortet werden. Und wenn der offenbar schlaglochimmune Pick up wieder mal zur Landebahn donnert, dann ist die linke Hand des Fahrers stets im Freien, um freundlich zurückzuwinken, wenn ihm Leute begegnen. Mirco fährt mit dem Quad voraus, aus Sicherheitsgründen, falls der Wagen doch mal liegen bleiben sollte.

Die haltbaren Nahrungsmittel werden eingeflogen, lediglich Fisch kann frisch am Ufer gekauft werden. Hin und wieder verirrt sich schon mal eine Schlange ins Lager, aber keine Gefahr: Es gibt keine giftigen Reptilien in Madagaskar. Mirco, der in seiner deutschen Heimat gerne radelt, schwimmt und reist, ist seit zehn Jahren Mitglied der Neu Wulmstorfer Feuerwehr. "Gut, dass meine Kameraden die hiesigen kilometerweiten Buschbrände nicht sehen, die stets gegen Ende der Trockenzeit weite Teile der Insel zerstören."

Bereits 2003 hatte Mirco, dessen Traumberuf eigentlich Helikopterpilot ist, Jakob Adolf in Bochum bei einer Konferenz der Freien Evangelischen Gemeinden Deutschlands getroffen und sich dann weiter über den Missions Flugdienst informiert. "Ich wollte dort hin, wo man mich und meine Fähigkeiten benötigt." Im Gespräch seien zunächst Tansania und auch Papua Neuguinea gewesen, bevor dann die Zusage aus dem immer noch geheimnisumwitterten Madagaskar mit seiner einzigartigen Tier– und Pflanzenwelt eintraf.



Mirko Ruehle    Mirko Ruehle

Mirko Ruehle    Mirko Ruehle


nächste Reportage        Reportagen von A – Z

Dem Autor eine Mail schicken

© Klaus Heimer. Ein Nachdruck der Artikel ist nur mit schriftlicher Zustimmung des Autors erlaubt.
Sollte eine Exklusiv-Reportage zu einem speziellen Thema oder die Ausarbeitung einer nicht alltäglichen Studienreise gewünscht werden, bitte per Mail anfordern.