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Die Sonne geht langsam hinter mächtigen Baobabbäumen auf.
Es ist noch ruhig im Camp des Trockenwaldes Kirindy im Südwesten der
Tropeninsel Madagaskar. Die Fossa, die größte Schleichkatze in der Heimat
von Pfeffer und Vanille, pirscht um die einfachen Hütten, in denen die
Touristen noch schlafen. Der geschmeidige Gang und der Körperbau des
Raubtieres lassen erahnen wie schnell es bei der Jagd Bäume rauf und
runter klettern kann. Aus der nahen Forschungsstation kommt die
28jährige Melanie Dammhahn, in Halle/Saale geboren und aufgewachsen,
mit einer typischen madagassischen Einkaufstasche, die aus
Pflanzenblättern geflochten ist. Auf den ersten Blick scheint sie zum
Markt gehen zu wollen. Doch weit gefehlt .
"Ich habe mich in die kleinsten Primaten der Welt verliebt", bekennt die Doktorandin schmunzelnd. Bereits zum sechsten Male ist sie zu Forschungszwecken für einen längeren Zeitraum 8000 Kilometer von zu Hause entfernt. Die nur 30 Gramm leichten Zwergmausmakis, die absoluten Winzlinge unter den Halbaffen Madagaskars, haben es ihr ganz besonders angetan. Gemeinsam mit dem Würzburger Studenten Mario Grünreif geht es in den nahen Wald, in dem am Vorabend 200 Lebendfallen mit Bananen bestückt wurden, um die nachtaktiven, überaus possierlichen Bewohner anzulocken. Der Erfolg kann sich sehen lassen: Vier Zwergmausmakis, 20 graue Mausmakis, zwei Fettschwanzmakis, die gerade aus ihrem Winterschlaf erwacht sind, und sogar vier Büschelschwanzratten, die jedoch sofort wieder freigelassen werden, äugen neugierig aus der öffnung des Aluminiumbehälters. "Alle sind bereits vorher von mir markiert worden", stellt die DiplomBiologin schon nach kurzer Zeit fest. "Jedes Tier erhält als Dauermarkierung im Rückenbereich einen kleinen Mikrochip mit einer Nummer, die man mit Hilfe eines ähnlichen Lasergerätes wie an einer Supermarktkasse sichtbar machen kann. Ferner werden von allen aus den Ohren winzige Gewebeproben entnommen." Vor Einbruch der Dämmerung, wenn die putzigen Gesellen wieder aktiv sind, werden sie an der Stelle, an der sie gefangen wurden, wieder in die Freiheit entlassen. Manchmal verirren sich auch Spitzmaustenreks oder Vögel in die Fallen. "Und hin und wieder zwängt sich sogar ein dicker Katzenmaki rein. Das sieht dann jeweils sehr lustig aus." "Ich interessiere mich seit meiner Kindheit für alles, was da kreuscht und fleuscht. Ich bin gerne draußen, um Tiere zu beobachten." Diese Leidenschaft hat die junge Frau, die in Halle an der LATINA August Hermann Francke das Abitur bestanden und in Tübingen an der EberhardKrausUniversität Biologie mit Schwerpunkt ökologie und Zoologie studiert hat, zielstrebig zum Beruf gemacht. Im Jahre 2000 war sie erstmals auf der vor der Südostküste Afrikas gelegenen viertgrößten Insel der Welt, damals als Praktikantin. Ihre Diplomarbeit hat sie über das Sozialsystem der vor fünf Jahren erstmals von einem madagassischen Doktoranden als eigene Art beschriebenen Zwergmausmakis verfasst, "die leider auf einem kleinen Fleck Trockenwald beschränkt und daher stark gefährdet ist". Entdeckt wurde dieser BonsaiPrimat übrigens von Professor Dr. Peter Kappeler, dem Leiter der Abteilung Soziobiologie und Verhaltensökologie am Deutschen Primatenzentrum Göttingen, das in Kirindy, einer früheren Schweizer Forststation, seit über zehn Jahren die Forschungseinrichtung unterhält. Kappeler betreut auch die Doktorandin aus Halle, die in diesem Jahr immerhin sieben Monate vor Ort ist, um die umfangreichen Feldstudien für ihre Doktorarbeit vorzunehmen. Ganz konkret wird untersucht, weshalb der Zwergmausmaki und der fast doppelt so schwere graue Mausmaki so gut nebeneinander existieren können, ohne sich zu verdrängen. Jeweils einmal im Monat stellt sie je drei Nächte hintereinander an zwei verschiedenen Standorten in einem 30 Hektar großen Gebiet die 200 Alufallen auf. Etliche ihrer Schützlinge tragen ein Senderhalsband, um sie nachts aufspüren und beobachten zu können. Anhand der Chips können unter anderem Rückschlüsse auf die überlebenswahrscheinlichkeit oder die Populationsdichte gezogen werden. "Das ist überaus spannend." Melanie Dammhahn glaubt die Antwort auf die Frage gefunden zu haben, wie beide Arten so gut miteinander auskommen. "Die Kleinen fressen mehr Insekten, die größere Art hat sich offenbar auf Früchte spezialisiert. Außerdem verschwinden die Weibchen der Grauen Mausmakis für Monate von der Bildfläche, wenn kaum etwas zu fressen im Wald zu finden ist. Sie halten Trockenschlaf." Beim grauen Mausmaki bilden die Weibchen Schlafgruppen, bei den Zwergen leben die weiblichen Tiere solitär und verteilt. Die Gewebeuntersuchung trägt dazu bei, Erkenntnisse über Vaterschaft, Populationsgenetik oder Abwanderungen in andere Gebiete zu gewinnen. Noch zwei Jahre, so schätzt die Mausmakifachfrau, wird sie ihre Forschungen fortsetzen und dann ihre Doktorarbeit vorlegen. Im nächsten Jahr fliegt sie wieder für längere Zeit Richtung Indischer Ozean, danach nur noch sporadisch. Ihr einheimischer Assistent JeanClaude unterstützt sie tatkräftig bei der Arbeit, wobei die Verständigung über Französisch und Malagasy geht. In Kirindy teilen sich übrigens acht Lemurenarten, davon sechs nachtaktive, den Trockenwald: Größter Vertreter ist der Sifaka, der es auf satte drei Kilogramm bringt. Nach der Rückkehr wird Melanie Dammhahn am Göttinger Primatenzentrum die Auswertung des jüngsten Forschungsaufenthaltes vornehmen. "Dabei bekomme ich dann sehr schnell wieder Heimweh nach Madagaskar." Neben Tischtennis, Fotografieren und Reisen engagiert sich die 28Jährige seit jeher im Naturschutze. In Tübingen arbeitete sie im Bereich Fledermausschutz im dortigen Schloss. "Als Biologin habe ich die Chance, viel von der Welt zu sehen", ist neben der Liebe zu der Kreatur Motivation, sich in diesem Bereich zu engagieren. Melanie war bereits als biologische Assistentin bei Projekten in Lappland, Finnland und Schweden aktiv. "Dort habe ich viel mit Wasserflöhen gearbeitet. Ich möchte auch künftig auf jeden Fall im Forschungsbereich bleiben." Und was sagen Familie und Freunde zu der langen Abwesenheit? "Meine Eltern und mein Bruder, die in Petersberg bei Halle leben, sind traurig, dass ich so oft abwesend bin. Die Freunde empfinden meine Arbeit als spannend und aufregend, auch wenn es oft schwer sei, mich zu erreichen." Die Wochenenden, die ab und zu in der nahen Stadt Morondava verbracht werden, bieten dann Gelegenheit, die Kontakte per Mail zu pflegen. Und dort kann bei einem madagassischen DreiPferdeBierchen in Rainers Kneipe, einem Deutschen, der sich dort niedergelassen hat, oder einem Bad im Kanal von Mosambik der allgegenwärtige Staub in einer der heißesten Zonen der Insel weggespült werden. |
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