Klaus Heimer

 

 

 

 

 

 

"Das war kein Fußballspiel, das war ein Bürgerkrieg"

Karlsruher Günter Zittel ist als deutscher Botschafter in Sachen Fußball derzeit in Madagaskar tätig / Nach vier Jahren Uganda wieder in seiner badischen Geburtsstadt ansässig

von Klaus Heimer

Eine Botschafterfrau, die wie in Uganda per Esel durch die Gegend galoppiert, hat der 52-jährige Fussballtrainer Günter Zittel aus Karlsruhe im Mai 2007 auf der fernen Tropeninsel Madagaskar nicht vorgefunden. Doch an Ungewöhnlichem fehlt es in der Heimat von Pfeffer und Vanille, die gleichsam Afrika und Asien en miniature ist, beileibe nicht. Zwei Monate lang ist der gebürtige Karlsruher Botschafter in Sachen Fußball auf der Mosambik vorgelagerten viertgrössten Insel der Welt tätig, um mit seinen einheimischen Kollegen die Nationalmannschaft auf die beiden noch ausstehenden Qualifikationsspiele zur Endrunde um den Afrika-Cup zu betreuen. Danach knüpft er an eine Maßnahme des Deutschen Olympischen Sportbundes von 2005 an und bildet noch madagassische Trainerinnen und Trainer aus.

Für den gebürtigen Karlsruher ist es nichts Neues, sich schnell und einfühlsam auf neue Gegebenheiten einzustellen. Nach der Ankunft in Antananarivo folgten nahtlos Gespräche mit dem nationalen Fussballverband, dann ging es per Flugzeug in die 568 Kilometer entfernte Stadt Majunga im Nordwesten ins Trainingslager der Kicker. Diese haben sich dort in feucht-heisser Umgebung auf das Rückspiel am 3. Juni in der Elfenbeinküste gegen die Startruppe mit Mannschaftskapitän Didier Drogba (Chelsea) des deutschen Trainers Ulli Stielike vorbereitet, gegen die sie sich möglichst gut behaupten wollen. Das Heimspiel hatten die "wilden Zebus", so der Beiname des madagassischen Nationalteams, 0:3 verloren.

Nachdem er 1986 die Fussballlehrer-Lizenz des Deutschen Fussballbundes entgegennehmen konnte, habe er sofort mit einer Tätigkeit im Ausland geliebäugelt, bekennt der 52-Jährige zweifache Familienvater Zittel. "Um in Deutschland einen guten Job zu finden, braucht man allerdings einen Namen, Beziehungen oder auch einfach etwas Glück." Beim TSV 1860 München war er einige Zeit Assistenz-Trainer, insgesamt 20 Jahre Trainer, Spieler- und Assistenztrainer im Jugend-, unteren und oberen Amateurbereich beim bayrischen Fussballverband. Zittel knüpfte vor rund zehn Jahren erstmals Kontakte zur Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und 1999 erreichte ihn die Anfrage, ob er an einem Langzeitprojekt als Berater in Uganda mitarbeiten wolle. "Da gab es natürlich kein Halten für mich." Diese vier Jahre von 2000 bis 2004 im Herzen Afrikas möchte der Badener nicht missen, der dort auch privat sein Glück gefunden und eine Frau aus diesem Land geheiratet hat. Die Presse dieses Staates habe seine Arbeit stets mit Interesse und einer guten Portion Humor begleitet. Als Zittel um die Hand seiner heutigen Ehefrau anhielt und Gastgeschenke mitbrachte, zeigte ihn ein Zeitungscartoon mit einer Ziege auf dem Rücken auf dem Weg zum Schwiegervater. Auseinandersetzungen mit dem ugandischen Finanzminister und einen Verkehrsunfall mit einem Truck, der ihn rammte und den Zittel verfolgen und schließlich stellen konnte, hat er gut überstanden.

Nach der Fussballweltmeisterschaft 2006 in seinem Heimatland sei die Nachfrage nach bundesdeutschen Trainern auch in Afrika gestiegen, hat Zittel festgestellt. "Madagaskar bildet da keine Ausnahme. Der überaus deutsch freundliche Staatspräsident Marc Ravalomanana hofft mit "Made in germany" die Sportart Nummer eins endlich hoffähig zu machen." Der Empfang auf dem Flughafen Ivato sei demzufolge überaus herzlich gewesen. "Ich wurde schon weit vor der Zollabfertigung willkommen geheißen, alle Formalitäten wurden unbürokratisch erledigt und ich an der langen Warteschlange vorbeigeschleust. Ich kam mir vor wie ein VIP (very important person)."

Die meist blutjungen Fußballer, von denen einige erste Brocken Deutsch gelernt haben, freuen sich, dass neben Arséne Hervé Malabary, der vom  französischen Verein Lens ausgeliehen wurde, und Nivoson Michael Andrianasy auch noch Günter Zittel zur Verfügung steht. Im Majunga hat Zittel dann gleich einen Eindruck vom nicht sonderlich hoch angesiedelten Stellenwert des Nationalteams erhalten. Örtliche Funktionäre und Lokalpolitiker hätten eine Begegnung eines regionalen Teams gegen die "Barea" (= "wilde Zebus") angesetzt, ohne diese darüber zu informieren, bereits Tickets verkauft und die Werbetrommel gerührt, so dass dem Team nichts anderes übrig geblieben sei, als gute Miene zu diesem Spiel zu machen. "Das war kein freundschaftliches Aufeinandertreffen, das war ein regelrechter Bürgerkrieg", fasst Zittel die Eindrücke der 90 Minuten  zusammen. "Das Nationalteam wurde gnadenlos ausgepfiffen, der Gegner war übermotiviert. So etwas habe ich vorher noch nie erlebt." Nach einem 0:2-Rückstand haben seine Schützlinge, "die vom harten Training schwere Beine hatten", dann noch zwei sehenswerte Tore geschossen und ein achtbares Unentschieden erreicht. Danach ging es 14 Stunden lang mit zwei altersschwachen Minibussen zurück in die Hauptstadt."

Ungewohnt für deutsche Berufskollegen dürfte auch sein, dass in dem bitterarmen Land Madagaskar der Trainer auch schon mal Erfrischungen für die Pause heranschleppen und bei der Gestaltung des Trainingsparcours selbst Hand anlegen muss. Nach seiner Heimkehr aus Uganda hat Zittel immer mal wieder Kurzzeitlehrgänge für Trainer geleitet, so in Mazedonien, Guyana, Grenada, St. Lucia oder auch Botswana. Auch für die FIFA war er bereits tätig. Gerne würde er wieder nach Uganda zurückkehren, in welchem Land er noch viele freundschaftliche Verbindungen hat.

Nach der Schulzeit in Karlsruhe hat Zittel in Berlin, Heidelberg und Stuttgart studiert, danach 20 Jahre in München gelebt und seit 2004 ist der sportliche Weltenbummler und Häuslebauer wieder in seiner badischen Heimatstadt ansässig, in der auch die Schwester lebt.

 

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