Klaus Heimer   Klaus Heimer

"Blue Stars" zogen Skorpionen den Stachel

Belgische Fußballer aus Gemmenich trotzten Nationalmannschaft von Madagaskar ein 0:0 ab / "Ein Wahnsinnserlebnis"

Von Klaus Heimer, Antananarivo

Blue Star Gemmenich        Blue Star Gemmenich


Die Dorfmannschaft aus dem ostbelgischen Gemmenich, einem Ortsteil von Plombiere, hat auf der fernen Tropeninsel Madagaskar nicht nur Vereins-, sondern auch große Fußballgeschichte geschrieben. Die Schützlinge von Trainer Léon Vanweersch, die gerade in ihrer Heimat in die erste Provinzklasse im Bezirk Lüttich aufgestiegen sind, trotzten der Nationalmannschaft "Scorpions" (Platz 121 der Fifa-Weltrangliste) der vor der Südostküste Afrikas gelegenen viertgrößten Insel der Welt ein nicht erwartetes Unentschieden ab und krönten damit eine überaus erfolgreiche Saison, in der 24 von 30 Begegnungen gewonnen wurden..
Die 21- bis 37-jährigen Amateurspieler aus dem 800-Seelen-Ort Gemmenich im deutschsprachigen Teil Belgiens, die tags zuvor gegen eine hoch motivierte Auswahl der Liga von Antananarivo noch mit 1:4 unter die Räder gekommen waren und von denen einige Bekanntschaft mit "Montezumas Rache" gemacht hatten, wuchsen dann am madagassischen Muttertag in dem 45000 Besucher fassenden Stadion "Mahamasina" über sich hinaus und konnten mit dem 0:0 hochzufrieden sein. Das temporeiche Spiel vom Vortag auf hartem Boden steckte den Akteuren dabei natürlich noch in den Knochen, hinzu kam, das die wieselflinken und technisch starken "Scorpions" nach einer langen sportlichen Durststrecke ihrem Publikum mal wieder eine gute Vorstellung bieten wollten. "Stehend Ko" nahmen die Belgier nach dem erlösenden Schlusspfiff die Standing ovations der rund 25000 Fußballfans ("Eine bisher nicht gekannte beeindruckende Kulisse für uns") entgegen. Einziger Wermutstropfen: Stürmer Ludek Mach musste in der zweiten Hälfte nach einem Tritt in den Unterleib mit dem Rettungswagen in ein Krankenhaus in der Hauptstadt eingeliefert werden.
Ursprünglich als "Schnapsidee" geboren, konnte Vereinspräsident Guy Ernst Ende vergangenen Jahres mit madagassischen Partnern die Organisation des Ausflugs in exotische Gefilde in Angriff nehmen. "Ich wollte meine Elf einmal gegen eine Nationalmannschaft spielen sehen," war Motivation des umtriebigen Präsidenten und Sponsors, der seit dem Jahr 2000 regelmäßig in die Heimat von Vanille und Pfeffer fliegt und dort an Rallyeveranstaltungen teilnimmt. "Mein Traum ist wahr geworden. Ein Wahnsinnserlebnis." Wenige Tage nach der Meisterschaftsfeier in der vereinseigenen Kantine in Gemmenich machte sich der 25-köpfige Tross, darunter auch mehrere Journalisten, von Paris aus auf den Weg ins 8000 Kilometer entfernte Madagaskar. Dort wurden die Gäste, die ihre gegnerischen Mitspieler um Haupteslänge überragten und daher schnell "vazaha be" (bedeutet in Malagasy grosser Weisser, Fremder oder auch Europäer) genannt wurden, schon vorab von den einheimischen Presseleuten in den siebten Fußballhimmel gehoben. "Das belgische Nationalteam hätte sicher keinen besseren Empfang gehabt," meinte ein Akteur schmunzelnd angesichts des riesigen Kameraaufgebotes und der Lobeshymnen. In Radio- und Fernsehspots wurde zudem seit Wochen für die beiden Freundschaftsspiele geworben. Und das Hauptmatch gegen die nach wie vor stachellosen "Scorpions", in dem Torwart Henry Rasquinet mit Glanzparaden der große Rückhalt der belgischen Elf war, wurde teilweise sogar live im nationalen Fernsehen übertragen. Eine Ehre, die nicht jedem Team zuteil wird. Nach über 20 Jahren konnte mit Gemmenich zudem erstmals wieder ein Club von einem anderen Kontinent willkommen geheißen werden. Im November 1983 waren russische Kicker in Madagaskar. Zu jener Zeit, von der ältere Fans heute noch schwärmen, war übrigens der Deutsche Peter Schnittger Nationaltrainer auf dem Eiland.
Präsident Guy Ernst, seit zwei Jahren in dem 160 Mitglieder zählenden Club in Gemmenich im Amt, legte bei diesem in der 75-jährigen Vereinsgeschichte herausragenden Trip besonderen Wert auf die soziale Komponente. Alle Teilnehmer wurden vorab verpflichtet, möglichst viele Trikots für madagassische Jugendspieler aufzutreiben. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen: Gut 350 Kilo Spendengepäck wurde in der französischen Hauptstadt am Schalter von Air Madagaskar eingecheckt. Rund 1000 junge Leute aus zahlreichen Vereinen können jetzt in schmucken Trikots auflaufen. Für etliche gab es zudem noch Fußballschuhe – in dem Land, das zu den zehn ärmsten Nationen der Welt gehört, ein wahres Luxusgut. Auch Sportminister Henri Randrianjatovo würdigte diese Geste, mit der sich die "Blue Stars" viele Sympathien erwarben. Zahlreiche der neu gewonnenen Freunde revanchierten sich dann auch gerne beim Fußballfest im Stadion. Präsident Guy Ernst, der nichts dem Zufall überlässt, hatte etliche belgische Fahnen mitgebracht und eine stattliche madagassisch-belgische Fankulisse feuerte dann auch die Gemmenicher lautstark an. Und der 19-jährigen Rija, der ansonsten vor Hotels in der Unabhänggkeitsstrasse Musikinstrumente zum Kauf anbietet, gab auf seinen Trommeln musikalisch den Ton an. Lediglich die Nationalhymne blieb den Kickern versagt, da es sich, so die örtlichen Verantwortlichen, um kein offizielles Länderspiel handle. Guy Ernst: "Ich hatte sie natürlich auf Kassette dabei."
Am Rande des Feldes gab es auch nette Gespräche mit einem in Madagaskar tätigen Journalisten aus Belgien und weiteren Landsleuten, die in der Star-Brauerei arbeiten, die das süffige Drei-Pferde-Bier herstellt. Ansonsten ist die belgische Kolonie im Lande relativ klein. Ein Zirkusmann, Stanny van den Berghe, der in Madagaskar Grosses vorhatte, starb an Ostern 2004 bei einem Autounfall. Vor zwei Jahren absolvierte eine junge Dame aus St. Vith ein Praktikum in einem Straßenkinderprojekt in Antananarivo.
Ein weiteres wichtiges Anliegen von Präsident Ernst ("Ich habe mich in die Insel verliebt") ist, in seiner Heimat für Madagaskar, das gleichsam Afrika und Asien en miniature sei und eine einzigartige Fauna und Flora vorweisen könne, eifrig die Werbetrommel zu rühren. Ernst, der gute Kontakte zu Alemania Aachen hat und mit Vorliebe Rallyes "auf Erde" fährt, kann bereits in wenigen Wochen wieder seinen Koffer packen. Dann steht das nächste, für ihn dann schon das zehnte Motorsportereignis in Madagaskar bevor.



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