Klaus Heimer

 

 

 

 

Putzige Mausmakis halten Chemnitzerin in Madagaskar auf Trab

Franziska Quietzsch aus Grüna sammelt auf der Tropeninsel Informationen über eine seltene Lemurenart für ihre Doktorarbeit

Von Klaus Heimer, Antananarivo, November 2007

Was treibt eine 25-jährige Frau, die in Chemnitz am Gymnasium Hohe Strasse im Jahre 2000 das Abitur gemacht und dann an der Tierärztlichen Hochschule Hannover studiert hat, für sechs Monate in den schwülheissen Nordwesten der Tropeninsel Madagaskar, wo sich Fuchs und Hase, sofern es sie hier gäbe, "Gute Nacht" sagen würden? "Nachtaktive Kobolde, genauer der Goldbraune Mausmaki, haben mich in ihren Bann gezogen", bekennt Franziska Quietzsch aus Grüna unter der Tropensonne Afrikas im Gespräch mit dieser Zeitung.

Gemeinsam mit Assistentin Sonja Kunath aus Hannover sammelt sie Informationen über diesen nur 50 bis 60 Gramm leichten Winzling, der erst 1995 von Frau Prof. Dr. Zimmermann, Leiterin des Zoologischen Institutes der Tierärztlichen Hochschule Hannover, entdeckt wurde und über dessen Reproduktions- und Aufzuchtsverhalten bis jetzt so gut wie nichts bekannt sei.

Ein ehrgeiziges Projekt, an das Franziska mit viel Begeisterung und Ideenreichtum herangeht. An zwei Abenden in der Woche werden in ausgewählten Waldbezirken Lebendfallen aufgestellt, die mit Bananen als Köder bestückt werden, um die Tiere bei der Nahrungssuche anzulocken. Im Schnitt schnappen 30 der Alukäfige zu, da das Futterangebot in der Trockenzeit nicht so groß ist wie in der Regenperiode. "Das ist unsere Chance." Am Morgen erfolgt dann die Kontrolle und die Fallen mit dem lebenden Inhalt kommen ins Camp, um die Tiere vorsichtig herauszuholen, zu wiegen, zu vermessen, zu markieren und das Geschlecht, sowie den Reproduktionszustand zu bestimmen. Alle Individuen erhalten einen Chip unter die Haut, so dass mit einem Spezialgerät schnell zu erkennen ist, ob es sich um alte Bekannte oder neue Vertreter der seltenen Mausmakiart handelt. In einem Gebiet müssen sich die Goldbraunen das Nahrungsangebot mit dem Grauen Mausmaki teilen, im zweiten Bezirk gibt es für sie keine Konkurrenten.

An den übrigen fünf Abenden verfolgen Franziska und Sonja über mehrere Stunden mit Hilfe einer Antenne eines der 13 mit kleinen Sendern ausgestatteten ausgewählten Weibchen, um ja nicht den Moment der Fortpflanzung zu verpassen. Jedes Tier kann über eine eigene Frequenz geortet werden. "Lediglich in einer bestimmten Nacht und dann nur in einem Zeitraum von zwei bis drei Stunden findet das Ereignis statt", weiß die Chemnitzerin, die humorvoll feststellt, dass sie sich lediglich aus wissenschaftlichen Gründen als "Spannerin" betätige. Mit Genitalsekreten locken die paarungsbereiten Weibchen die Männchen an. Sie verbringen den Tag in Schlafgruppen, nachts sind sie jedoch solitär in einem 1-2 Hektar großen Gebiet unterwegs und halten die jungen Forscherinnen aus Deutschland auf Trab.

Zur vierköpfigen Arbeitsgruppe von PD Dr. Ute Radespiel vom Zoologischen Institut der Tierärztlichen Hochschule Hannover, die in den vergangenen Jahren in Madagaskar schon andere Lemurenarten entdeckt hat, gehören noch Sandra Thoren aus Schweden und Kathleen Meares aus Südafrika.

Franziska Quietzsch hat schon viel von der Welt gesehen, nach dem Abitur Thailand und Indien bereist, später Laos, die Philippinen oder auch Kenia und im vergangenen Jahr hat sie drei Monate in einem Projekt mit Spitzmaulnashörner in Namibia gearbeitet. "Ich bin schon früher viel mit meinen Eltern unterwegs gewesen und einen Monat im Jahr mit dem Rucksack auf Achse." Das Interesse an der "medizinischen Richtung" sei ihr förmlich in die Wiege gelegt worden. "Meine Eltern, die mich in Madagaskar besuchen werden, arbeiten als Ärzte." Franziska studierte bis März 2007 elf Semester in Hannover und könnte sich gut vorstellen, in einer Tierarztpraxis als Kleintierchirurgin zu arbeiten. Zu Hause ist sie oft mit ihrem Hund in der Natur unterwegs und insbesondere die Ornithologie hat es ihr angetan. Der sechsmonatigen Feldarbeit auf der vor der Südostküste Afrikas gelegenen viertgrößten Insel der Welt folgt eine circa einjährige Auswertungsphase. In dieser Zeit erhält sie einen Vertrag als Hilfswissenschaftlerin am Institut für Zoologie in Hannover, daneben möchte sie schon erste Berufserfahrungen als Assistentin in einer Tierarztpraxis sammeln.

An die Stelle als Doktorand kam sie allerdings eher zufällig. "Eigentlich wollte ich lediglich ein Praktikum in Madagaskar machen. Bei einem Gespräch mit PD Dr. Ute Radespiel ergab sich dann allerdings, dass das Reproduktionsverhalten des Goldbraunen Mausmaki durchaus das Potential für eine interessante Doktorarbeit in der Heimat von Pfeffer und Vanille hat."

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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