|
"Was hatte ich, ein schneidiger, rot-weisser Ford 130, doch früher bei der Tiefenbronner Feuerwehr ein herrliches Leben: Ich wurde regelmässig auf Hochglanz poliert und mein Innenleben wurde in überschaubaren Abständen auf Herz und Nieren überprüft. Es hat mir eigentlich an nichts gefehlt. über eine zu starke Beanspruchung brauchte ich mich auch nie zu beklagen. Hin und wieder ging es mit den Feuerwehrleuten zu übungen, Einsätzen oder auch zu Veranstaltungen, die der Kameradschaftspflege dienen. Doch inzwischen ist alles anders...
In meiner neuen Heimat Madagaskar geht man nicht so pfleglich mit mir um, ich bekomme kaum eine Ruhepause gegönnt. Auf die viertgrösste Insel der Welt bin ich von Deutschland via Belgien per Schiff gelangt. Auf dem grossen Gebrauchtwagenmarkt in der Hauptstadt Antananarivo wurde ich dann vor etwa sechs Jahren von Taxifahrer Tobison Tsimatoky für rund 30 Millionen Franc Malagasy (etwa 4300 Euro) gekauft. Wie viele ausrangierte deutsche Rettungswagen oder auch Brummis vom Technischen Hilfswerk wurde ich dann ebenfalls für den Transport von Fahrgästen umgebaut und hergerichtet. Aus mehreren Fahrzeugtypen sind Sitzreihen im Bodenblech verankert worden, so dass heute in mir - den Fahrer eingeschlossen - 19 Personen einigermassen Platz finden. Es kommt jedoch nicht selten vor, dass sich 20, 22 oder noch mehr Leute hineinzwängen. Insbesondere am Morgen oder nach Feierabend, wenn Antananarivo einem Ameisenhaufen gleicht, wird es sehr eng. Für 1000 Franc Malagasy (etwa 15 Cent) kann man sich die knapp zehn Kilometer lange Strecke vom Ausgangspunkt im Zentrum, hier Analakely genannt, bis zu den beiden Stadtteilen Anosipatrana und Anosizato kutschieren lassen. Unterwegs gibt es etliche Haltestellen. Meine Linie, die ich täglich zwischen acht- und zehn Mal zurücklege, hat übrigens die Nummer 138. Bergauf komme ich manchmal ganz schön ins Schnaufen, man merkt mir doch mein Alter an. Nicht selten muss ich auch angeschoben werden. Mein Besitzer kann mir keinen Ruhetag gönnen, regelmässige Inspektionen, wie in meiner Kinder- und Jugendzeit in Deutschland, sind hier ein Fremdwort. Der Fahrer muss sich im harten Taxi-Wettbewerb durchsetzen und kann sich keine Pause leisten. Ein Liter Sprit kostet hier gut einen halben Euro, das ist vergleichsweise viel Geld für ihn. Seit einigen Monaten befördere ich auch viele Journalisten von und zur Arbeit. Diese arbeiten im Medienzentrum des Staatspräsidenten in Anosipatrana. Wer dann noch einen Stadtteil mit mir weiterfährt, der will meist zur Taxi-Brousse-Station (überlandfahrzeuge) Richtung Süden. Bei Anosizato fahren die Sammeltaxis in die Edelsteinmetropole Antsirabe, knapp 170 Kilometer von der Hauptstadt gelegen, oder auch in den Westteil der Insel. Für mich endet hier die Fahrt und es geht mit neuen Passagieren zurück zum Ausgangspunkt in der City und dann wieder von vorne los. Viele Dellen und Beulen deuten darauf hin, dass es hier im dichten Verkehrsgewühl oftmals sehr rauh zugeht. Auch Rost setzt mir insbesondere nach der Regenperiode mächtig zu. Ich könnte heulen, wenn ich mich im Spiegel betrachte und an meine schöne Jugendzeit zurückdenke. Die Aufschrift "Feuerwehr Tiefenbronn" an den Türen und ein Aufkleber mit den Rettungsnotrufen für "Stadt Pforzheim und den Enzkreis" sowie das immer noch intakte Radio mit dem blauen Punkt, das den ganzen Tag über dudelt, weisen auf mein deutsches Vorleben hin. Das linke Bremslicht und auch die Rücklichter fehlen. Hier fährt man sowieso mehr nach Gehör! Hauptsache die Hupe bleibt noch intakt. Mein Tacho hat bei 71314 Kilometern den Geist aufgegeben. Ich weiss nicht, wie oft ich die 100000 schon erreicht habe. Ich möchte es nicht versäumen, von hier aus, also über 7000 Kilometer entfernt, meine früheren Besitzer herzlich zu grüssen. Trotz der vielen kleinen Mängel und des harten Arbeitslebens geht es mir für afikanische Verhältnisse noch einigermassen gut und ich hoffe, dass ich noch lange weiterfahren kann - bis mich eines Tages doch das sichere Schicksal aller Autos ereilt und meine Einzelteile dann beim Schrotthandel landen werden." Nachforschungen haben ergeben, dass der madagassische Ford von 1974 bis 1996 Dienst bei der Freiwilligen Feuerwehr Lehningen tat und dort deren Wandel zur Teilortswehr von Tiefenbronn erlebt hat. Als Tragkraftspritzenfahrzeug war der Wagen mit sechs Mann Besatzung und einer Ausrüstung von tragbarer Spritze, Schläuchen und Atemschutzmasken im Einsatz und diente als Ergänzung zum Tanklöschzug TLF-8. Der Schwester-Löschzug des Tiefenbronner Ford fährt heute übrigens auf der griechischen Insel Samos. Der Mühlhausener Kommandant Norman Gall vermittelte den Verkauf des heutigen afrikanischen Ford 130 an einen Mühlhausener, der eine Gärtnerei in Madagaskar betrieb. |
|