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"F7" hilft vielen Menschen mit Missbildungen

Norddeutsches Ärzteteam vom Verein "Interplast Germany" operierte kostenlos rund 100 Patienten in Madagaskar / "Strahlende Augen sind der schönste Lohn"

Von Klaus Heimer, Antananarivo

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"Das ist fast ein Wunder. Wir haben ein neues Kind!" Die Mutter des siebenjährigen Jocelyn Randrianasolo kann es nach der erfolgreichen Operation des Teams von Interplast Deutschland in der madagassischen Hauptstadt Antananarivo kaum fassen. Ihr Sohn hatte seit der Geburt eine Lippenspaltung, im Volksmund Hasenscharte genannt, unter der der Knirps auch seelisch sehr litt. Aus eigener Finanzkraft hätte sich die Familie niemals einen derartigen chirurgischen Eingriff in dem bitterarmen Land leisten können. Demzufolge kennt die Dankbarkeit über den ehrenamtlichen Einsatz von sechs Medizinern aus dem fernen Deutschland keine Grenzen. "Endlich ist er ein ganz normaler Junge und muss nicht mehr sein Gesicht verstecken", strahlen Eltern und Kind gleichermaßen miteinander um die Wette.

Für die Fachärztin für Plastische Chirurgie an der Ostsee-Praxis-Klinik in Bad Schwartau, Dr. med. Gisela Birgit Gie Meyer Vandehult, und ihr Team sind die großen Kinderaugen der schönste Lohn für die freiwillige Tätigkeit in dem Krankenhaus der Lutheraner 8000 Kilometer von zu Hause entfernt. Und dabei hätte alles auch ganz anders kommen können: Im vergangenen Jahr war die in Lübeck lebende Teamleiterin mit Ehemann Dr. rer. med. Burkhard Meyer in Tansania "und ich wollte nach vier Einsätzen in Indien unbedingt noch einmal nach Afrika". Die Wahl des Landes wurde Tochter Alexa überlassen, die einen Atlas mit der Karte von Ostafrika erhielt und sich eine Zahl von eins bis zehn sowie einen Buchstaben von A bis J aussuchen konnte. "F7 war dann Madagaskar." Einziger Hemmpunkt sei zunächst die Landessprache Französisch gewesen. Doch wie der Zufall so spielt, just zu jenem Zeitpunkt lasen die Eheleute, die beide den Flugschein haben, in einer Fachzeitschrift eine Reportage über den Buschpiloten Jakob Adolf, der für die Missions Fluggesellschaft seit neun Jahren in Madagaskar arbeitet. Wenig später gab es im deutschen Rheine eine erste Begegnung. "Die Chemie hat sofort gestimmt."

Jakob Adolf vermittelte den Kontakt zur Hebamme Tanja Hock aus Aschaffenburg, die in dem Lutheraner-Krankenhaus in Antananarivo drei Mal die Woche jeweils halbtags aushilft. Drei Wochen vor dem Eintreffen der sehnsüchtig erwarteten Interplast-Equipe wurde in Gotteshäusern auf die kostenlose Möglichkeit, Missbildungen operativ beseitigen zu lassen, hingewiesen. Untersuchungstermine wurden vereinbart, Fotos von den möglichen Patienten gemacht und diese nach Lübeck zu der gebürtigen Schwedin Dr. Gie Meyer Vandehult geschickt. Der Operationsplan sah in den knapp zwei Wochen rund 110 Eingriffe bei 100 Madagassen, in erster Linie Kinder, vor. Am häufigsten waren Lippen- und Gaumenspalten, Verbrennungen und Narben als Folge von Unfällen, oder zu viele Finger und Zehen. Das Mindestkörpergewicht der kleinen Patienten ist auf vier Kilogramm festgelegt. Wer zu jung war, wurde auf den nächsten Termin im Oktober 2007 vertröstet. Nach oben war keine Altersgrenze gesetzt. "Wir hatten auch über 40-Jährige mit offenem Gaumen."

Für die Madagassen erschien es fast unglaublich, dass ihr Kind innerhalb von knapp einer Viertelstunde ein ganz normales Gesicht erhielt und es somit nicht ein Leben lang entstellt ist. Dr. Gie und ihr Team machen es möglich. In der Edelsteinmetropole Antsirabe wurde sogar ein Junge mit einer Missbildung im Mundbereich von der Schulbank weg auf den OP-Tisch geholt und in jener Stadt erhielt auch ein junger Mann ein neues Gesicht, das bei einem überfall vor vier Jahren von den Tätern grausam verstümmelt wurde.

In Madagaskar steckt die plastische Chirurgie noch in den Kinderschuhen, zudem können die Betroffenen oder ihre Angehörigen zumeist nicht den für eine Operation erforderlichen Geldbetrag aufbringen. Interessant in diesem Zusammenhang, dass auch der sicher nicht schlecht verdienende Gesundheitsminister des Landes ein Mitglied seiner Familie kostenfrei operieren lassen wollte.

"Ich möchte helfen und mehr Freude in die Welt bringen. In Madagaskar kann ich etwas ausrichten. In Deutschland mit dem gut ausgebauten Gesundheitssystem bin ich eigentlich nicht so wichtig wie hier. Andere Menschen können Geld spenden oder Care-Pakete schicken, die Einsätze für Interplast sind mein Weg anderen Menschen Gutes zu tun", formuliert Dr. med. Gie Meyer Vandehult ihre Motivation, auch im privaten Urlaub für andere da zu sein.

Das für die Eingriffe erforderliche Material, die OP-Kleidung, Spielsachen für die kleinen Patienten und auch die Medikamente mussten aus Deutschland mitgebracht werden, insgesamt rund 230 Kilogramm. "Das haben wir fast alles bei der Pharmaindustrie zusammengeschnorrt." Bedauerlicherweise profitierte auch die französische Fluglinie von der Aktion, die den ärzten in Paris doch glatt 750 Euro für übergepäck abknöpfte und sich auch nicht von einem Schreiben von Interplast und dem Hinweis auf die durch Spenden finanzierte Hilfsaktion davon abbringen ließ. Das gewichtsmäßig stark beschränkte komplette persönliche Gepäck des Sextetts hatte in kleinen Handkoffern Platz. Die Kliniken in Antananarivo und Antsirabe stellten die Räumlichkeiten, Strom und Sauerstoff. Hierfür musste zuvor allerdings in hartem Ringen eine finanzielle Vereinbarung für die Nutzung erzielt werden. Die Zimmer der Patienten wurden für die Dauer des Aufenthaltes ebenfalls von Deutschland bezahlt.

Der gemeinnützige Verein Interplast entsendet pro Jahr rund 50 ärzteteams in Entwicklungsländer und finanziert dies fast ausschließlich über Spenden. Der letzte Einsatz in Madagaskar liegt rund zwölf Jahre zurück. Der nächste soll jedoch nicht so lange auf sich warten lassen. Viele Menschen mit Missbildungen im Gesichtsbereich setzen ihre ganze Hoffnung auf Interplast und die fest geplante Rückkehr des Teams im Herbst 2007.

Dabei waren dieses Mal neben der Leiterin noch: Gynäkologe Dr. med. Christian Rybakowski aus Bad Segeberg, Anästhesistin Dr. med. Monika Zimmert aus Reinfeld, OP-Schwester Anke Lafrenz-Ottsen aus Bad Schwartau sowie die Eheleute Susanne Andrea Glasner und Volker Galle (beide Anästhesisten) aus Hamburg.

Wer die seit 2003 bestehende Interplast-Stiftung finanziell unterstützen möchte (Stichwort: Madagaskar) kann dies gerne tun: Bank für Sozialwirtschaft Mainz, Nummer 861600, BLZ 55020500.



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