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Im Dienste Behinderter und Strassenkinder

Julia und Verena Dursch aus Hattenhofen absolvieren derzeit mehrmonatiges Praktikum im fernen Madagaskar

Von Klaus Heimer, Antananarivo

Julia und Verena Dursch        Julia und Verena Dursch


Verena Dursch (23) und ihre Schwester Julia (26) aus Hattenhofen bei Göppingen haben viel gemeinsam: Beide sind sozial stark engagiert, wollen beruflich im pädagogischen Bereich tätig werden, sind sprachbegabt, weltoffen und fasziniert von fremden Kulturen. Derzeit leisten beide auf der fernen Tropeninsel Madagaskar in zwei nichtstaatlichen Wohltätigkeitseinrichtungen für Geistigbehinderte beziehungsweise Strassenkinder in der Hauptstadt Antananarivo jeweils ein mehrmonatiges, ehrenamtliches Praktikum.
"Die Menschen hier sind wahnsinnig offen", schwärmen die Württembergerinnen gut 7000 Kilometer von zu Hause entfernt im Gespräch mit dieser Zeitung. "Wir haben uns gut eingelebt, die Arbeit macht viel Freude und der nette Kollegenkreis trägt ebenso zum Wohlfühlen bei wie die einheimische Familie, bei der wir wohnen." Erste Brocken in der Landessprache Malagasy kommen schon gut über die Lippen. Ihre Französischkenntnisse haben sich Verena und Julia am Mörike-Gymnasium in Göppingen angeeignet, wo beide das Abitur bestanden haben.
Nach erfolgreichem Schulabschluss absolvierte Verena ein Freiwilliges Soziales Jahr im Sonderschulkindergarten in Heinigen, Julia in einem Wohnheim für Behinderte der Lebenshilfe Heinigen. Verena Dursch nahm dann im Herbst 1999 in Heidelberg das Studium der Sonderpädagogik auf und ist derzeit im neunten Semester. Die vorgeschriebenen Praktika hat sie an Schulen im Studienort absolviert, doch vor dem ersten Staatsexamen "wollte ich auch einmal Einblick in die Behindertenarbeit in einem Land der so genannten Dritten Welt gewinnen." Die Suche im Internet nach einer Stelle verlief erfolgreich: 13 Einrichtungen rund um den Globus wurden angemailt. "Aus Tahiti und Madagaskar erhielt ich Antwort." Entschieden hat sich die junge Dame für die vor der Südostküste Afrikas gelegene viertgrösste Insel der Welt, die gleichsam Afrika und Asien en miniature ist. In der 1972 gegründeten Einrichtung "Les Orchidees Blanches" werden rund 100 Kinder mit geistiger Behinderung unterrichtet. Abgänger erhalten die Möglichkeit, in der angegliederten Kreidefabrik zu arbeiten. Eine geplante Töpferei soll in Kürze mit Leben erfüllt werden. Der Verkauf von Tafelkreide an Schulen der Umgebung und Spenden von Sponsoren aus dem In- und Ausland (vor allem von der Partnerschule im Süden Frankreichs) tragen zur Finanzierung der Stiftung bei.
Verena ist am Vormittag in den Unterricht eingebunden, am Nachmittag stehen Freizeitaktivitäten auf dem Programm. Für die bevorstehende Weihnachtsfeier studiert sie gerade mit ihren Schützlingen einen deutschen Volkstanz ein. "Die Verständigung klappt prima, halt mit Händen und Füssen." Nach der Rückkehr Mitte Januar will die 23-Jährige ihre Zulassungsarbeit zum ersten Staatsexamen über die Situation von Menschen mit geistiger Behinderung in Madagaskar schreiben. "Ich habe alle entsprechenden Einrichtungen in der Hauptstadt besucht: Es gibt hier gerade mal fünf davon. Weniger als ein Prozent der Betroffenen haben die Möglichkeit, eine ihnen angepasste Schule zu besuchen." Nach dem Examen folgt in Deutschland die eineinhalbjährige Referendarszeit, später eventuell noch ein Aufbaustudium über interkulturelle Pädagogik.
Julia Dursch wird im Februar 2004 ihren Referendarsdienst antreten. Sie hat im Oktober 1997 in Freiburg das Studium aufgenommen, mit dem Ziel, einmal an einer Grund- oder Hauptschule zu unterrichten. "Nach meinem Examen hatte ich einige Monate Zeit, wollte reisen und in dem Land, das ich besuche, auch arbeiten, um es dadurch noch besser und intensiver kennenzulernen." Gesagt, getan. Die Schwestern ("Wir sehen uns zu Hause nur selten") schlossen sich zusammen, packten ihre Rucksäcke und düsten Richtung Afrika. Julia: "Wir hatten beide in der Schule Französisch als erste Fremdsprache, daher ist Madagaskar genau richtig."
Die 26-Jährige hat sich vor Ort ihre Praktikumstelle gesucht. Sie wirkt im Zentrum "Graine de Bitume" ("Samenkörner des Asphalts"), das sich seit drei Jahren in enger Zusammenarbeit mit "ärzten ohne Grenzen" in zwei Häusern um Strassenkinder aus ärmlichsten Verhältnissen kümmert. Diese besuchen öffentliche Schulen, können im Zentrum essen und sich waschen, erhalten hier auch Nachhilfeunterricht und nutzen gerne die Freizeitangebote. Julia besucht mit einheimischen Sozialassistenten auch die Familien, hauptsächlich wird sie jedoch bei der Betreuung der Jungen und Mädchen eingesetzt.
"Beeindruckend ist, dass die madagassischen Mitarbeiter sehr engagiert im Dienste der jungen Menschen arbeiten, obwohl ihr Lohn nur sehr niedrig ist: 300000 Franc Malagasy im Monat. Das entspricht gerade mal 43 Euro." Julia und Verena haben vor ihrem Trip eisern gespart und gearbeitet. "Unsere Eltern haben unseren Wunsch, in die Ferne zu reisen, sofort unterstützt." Der Bruder leistet derzeit den "Anderen Dienst im Ausland" in Rumänien. "Weihnachten sind unsere Eltern diesmal ganz alleine." In ihrer Heimatpfarrei Hattenhofen waren die Schwestern früher als Ministrantinnen sowie in der Jugendarbeit aktiv. "Die Erfahrungen, die wir zur Zeit in Madagaskar machen, möchten wir nicht missen," bekennen beide einmütig. Mit Freunden werden die Praktikantinnen über Weihnachten die Heimat von Pfeffer, Vanille und Lemuren erkundet.



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