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Wer den Namen der fernen Tropeninsel Madagaskar hört,
denkt zunächst sicher an paradiesische Strände,
Sonnenschein bis zum Abwinken, eine einzigartige Natur
sowie köstliche Fischgerichte und frisches exotisches
Obst als Dessert. Ganz anders der 65-jährige Urologe
Dr. Klaus-Jürgen Melzer aus Gera, der stets seinen
OP-Kittel im Gepäck hat und auch bei seinem vierten
Aufenthalt in der Heimat von Pfeffer und Vanille
zielsicher die Hafenstadt Tulear und dort die 1980
gegründete Clinique Saint Luc ansteuert, zu der ganz
besonders intensive Kontakte bestehen.
Als sich Dr. Melzer und seine Ehefrau Brigitte, eine gebürtige Zeitzerin und Apothekerin, nach mehreren Auslandsreisen unter anderem nach Sumatra, wo sein Großvater 30 Jahre lang gearbeitet hat, im Jahre 2001 für die vor der Südostküste Afrikas gelegene, touristisch noch nicht voll erschlossene Gewürzinsel entschieden, ahnten beide noch nicht, dass daraus die bislang größte Hilfsaktion einer Privatperson für ein Projekt mit einem Volumen von weit über 500.000 Euro in diesem Land entstehen sollte, die ihresgleichen sucht. Rechtzeitig vor der jüngsten vierten Visite hatte Dr. Melzer, der bis 1991 Oberarzt in der Urologischen Klinik in Gera war und dann im Agricola-Klinikum Zeitz seine Praxis eröffnete, die von Sohn Frank weitergeführt wird, zwei Container mit einer Krankenhauskomplettausstattung auf den langen Seeweg geschickt, die er eigentlich mit seiner Frau in Tulear in Empfang nehmen, auspacken und die Geräte im dortigen Hospital installieren wollte. Doch das "Mora mora"-Land (mora bedeutet auf Malagasy "langsam") hat stets überraschungen parat. So wollte der Zoll partizipieren und forderte zunächst einen horrenden Betrag von dem Krankenhaus, der dann jedoch dank vieler guter Beziehungen und zeitintensiver Diskussionen heruntergehandelt werden konnte. Doch die Freigabe der Hilfsgüter zieht sich weiter hin. Dr. Melzer ist jedoch kein Freund des Müßigseins, operiert selbst Prostata- und Blasenkranke und hält seine Sprechstunden ab. Ein reicher Mann aus der Stadt, der Frauen nicht abgeneigt ist, hatte auch diesmal Wind davon bekommen, dass der Experte aus Deutschland erneut im Lande ist und stattete ihm bereits zum dritten Male einen Besuch ab. Der Mediziner weiss natürlich inzwischen genau, was nach den Höflichkeitsfloskeln kommt: Der eindringliche Wunsch, dem angeblichen Patienten doch bitteschön Viagra mitzubringen, da sein Körper dem ausgeprägten Seitensprungdasein insbesondere daheim bei der eigenen Ehefrau nicht mehr folgen kann... "Als ich beim ersten Male die Zustände in der 40-Betten-Klinik gesehen habe, konnte ich nicht untätig bleiben", bekennt der Urologe. "Es fehlte an allem. Ich bekam Tränen in die Augen und war auch sauer auf jene Spender, die bis dahin veraltete oder nicht intakte Geräte geschickt hatten." Krankenhausgründer Dr. Noel Rakotomavo sei ein praktizierender Katholik, der, so Melzer, "seinen Glauben auch lebt". Dr. Justin, "ein Naturtalent und begnadeter Chirurg", war sogar einige Zeit in Gera bei Professor Hoffmann und in Zeitz, um das transurethrale Operieren zu erlernen, die Ultraschalldiagnostik und das Instrumentarium kennenzulernen, das später nach Madagaskar geschickt werden sollte. Versucht werden soll nun dank der neuen Ausstattung insbesondere die reichen Madagassen, Inder, Ceylonesen und Pakistani in der Stadt zu halten, die bisher bei anstehenden medizinischen Eingriffen stets nach La Reunion ausgeflogen seien. Diese gut betuchten "Kunden" subventionieren mit ihrem höheren Kostenbeitrag die Behandlung der armen Bevölkerung. "Diese Menschen legen oft mehrere hundert Kilometer per Buschtaxi zurück, um sich in Tulear behandeln zu lassen. Viele haben kaum Geld und so müssen ständig neue Finanzquellen erschlossen werden." Ein Rundgang durch die Gebäude ist beeindruckend: Eine für madagassische Verhältnisse saubere Einrichtung, ein OP-Saal mit Klimaanlage nach europäischem Vorbild, sieben engagierte ärzte und freundliches Pflegepersonal. Eine Zahnarztpraxis, eine stark frequentierte Geburtenstation, Lungen-, Verdauungserkrankungen, Tuberkulose, Diabetes, sexuelle Infektionen, Nieren- und Harnröhrenerkrankungen etc. können behandelt werden. "Eine komplette Grundversorgung ist jetzt hier möglich." Dr. Melzer ist überall ein gern gesehener Freund. "Beim zweiten Mal kam die gesamte Belegschaft zum Flughafen und hat uns abgeholt." Seine Patienten in der Heimat haben bisher rund 8.000 Euro gespendet und Dr. Melzer zapfte zudem alle möglichen Quellen an, war bei Krankenhaus- und Praxisauflösungen oder -übergaben zur Stelle und benötigte sehr schnell eine große Lagerhalle, die er in Leipzig fand. Die Ladeliste liest sich wie das Angebot eines gut sortierten Spezialmarktes für die Ausstattung eines neuen Krankenhauses. Das Ehepaar Melzer hätte natürlich selbst gerne beim Ausladen der Container geholfen, damit es keine Pannen gibt. So wurde zum Beispiel vor Jahren ein neuer OP-Tisch einfach nicht ausgeladen und kehrte mit dem leeren Container wieder nach Deutschland zurück. Von dort konnte er dann erst 2005 erneut abgeschickt und eingesetzt werden. "Das hat Zeit, Nerven und etliche Telefonate gekostet." Das Ehepaar Melzer ist übrigens Stammgast in der Volkshochschule Gera, um die Englisch- und Französischkenntnisse für die Auslandstouren stetig zu verbessern. Bei der dritten Reise wurden die Medikamentenspenden im Wert von 36.000 Euro noch im Reisegepäck mitgenommen, dann nahmen die Spenden (Ultraschallgerät, Untersuchungstische, Betten, Röntgenapparate, Schränke, Desinfektionswannen, OP-Kleidung, Nahtmaterial etc.) jedoch Dimensionen an, die den Einsatz von Container erforderten. Beim letzten Besuch 2004 wurde das Engagement aus Deutschland mit dem blau-weißen Schild "Melzer Madagaskarprojekt" am Neubau mit OP-Saal, Kreißsaal, Sanitärtrakt und Einzelzimmern gewürdigt. "Die Farbe war noch ganz frisch, als ich eintraf. Die Baukosten hat das Krankenhaus finanziert, das Inventar habe ich besorgt." Auch ein VW-Bus wurde erworben und über Antwerpen nach Tulear gebracht. "Er übernimmt alle Transporte und fährt mit Zeitzer Wappen", wird schmunzelnd angemerkt Als bei der Landesgartenschau in Zeitz das Angebot an Melzer herangetragen wurde, noch intakte mechanische Nähmaschinen entgegenzunehmen, sagte dieser nicht Nein. Diese werden an bedürftige Markfrauen in Tulear übergeben, die sich damit ihr Einkommen erarbeiten können. Ein weiteres Kuriosum der bisherigen Hilfe: 2004 hat Dr. Melzer seinen Aufenthalt spontan verlängert, um noch einen Mitarbeiter der Klinik am Hoden operieren zu können. "Er lebt, es geht ihm sehr gut." Sohn Thomas hat Dr. Melzer 2003 begleitet und auch einen Videofilm "Von Armut bis Ultraschall" gedreht, mit dem er gerne hausieren geht. Dias und viele Anmerkungen runden seine Informationsabende quer durch Deutschland ab. Sein größter Wunsch ist nun, junge Mediziner zu finden, die ehrenamtlich jeweils mehrere Monate in Madagaskar arbeiten und den Einheimischen helfen. Spätestens im Dezember 2007 soll es erneut auf die Insel gehen: "Dann heiratet die Tochter des Krankenhausgründers, die uns schon jetzt eingeladen hat." |
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