Klaus Heimer   Klaus Heimer

Meister der Tarnung mit langer Schleuderzunge

Chamäleons können gleichzeitig in Vergangenheit und Zukunft blicken / Evolution: Reisten die Tiere auf Flössen um die Welt?

Von Klaus Heimer, Antananarivo

Chameleon        Chameleon


Mit schneckenhaftem Bummeltempo schleicht sich das Chamäleon im Regenwald Madagaskars an einen Schmetterling heran, der so unvorsichtig ist, sich in der Nähe des "Mini-Dinosauriers" niederzulassen. Der Abstand beträgt noch gut 15 Zentimeter. Eigentlich keine Gefahr, doch weit gefehlt… Blitzschnell schießt die Riesenzunge mit der klebrigen, keulenförmigen Spitze aus dem Maul des Drachens und schlägt zielsicher zu. Dann ein Happs und der Schmaus ist verschwunden.
Der Beobachter ist fasziniert. Die erfolgreiche Jagd spielt sich im Bruchteil einer Sekunde ab. Neben der Schleuderzunge sind auch die Augen der Scharfschützen unter den Reptilien bemerkenswert: Sie können sich unabhängig voneinander bewegen und ermöglichen ein Blickfeld von 360 Grad, ohne den Kopf zu drehen. Aussehen und Gehabe der gefräßigen Echsen mit dem seitlich abgeflachten Rumpf beeindrucken viele Einwohner Afrikas und Madagaskars so, dass sie sich weigern, ein Tier anzufassen oder zu fangen. Verhext seien sie und könnten mit einem Auge in die Vergangenheit blicken, mit dem anderen in die Zukunft.
Eine besonders große Artenvielfalt hat sich auf der vor der Südostküste Afrikas gelegenen Tropeninsel Madagaskar entwickelt, auf der immerhin rund 40 Prozent der Chamäleons leben. Weitere 40 Prozent bevölkern das afrikanische Festland, 20 Prozent sind auf vorgelagerten Inseln, in Europa und Asien zu finden. In ihrer Heimat kommen die meisten Tiere, die zum Teil Eier legen und auch lebend gebären, daher wie auf einem farbenprächtigen Kostümfest. Nichts von wegen Tarnung und sprichwörtlicher Anpassung! Chamäleons können sich jedoch je nach Erregungszustand (Wohlbefinden, Krankheit, Angst oder Wärme) sehr schnell "umschminken". Ihre Hautschuppen bestehen aus mehreren Schichten mit mikroskopisch kleinen Farbbeuteln. Auf Kommando der Nerven können sich zum Beispiel die in winzigen Punkten konzentrierten Karotine, also die Gelb- und Orangetöne, oder die Melanine, die braun-schwarzen Töne, schnell über eine ganze Zelle verteilen und damit den Teil ihrer Oberfläche in eben dieser Farbe "anmalen". Bei Stress ziehen sich diese Farbzellen zusammen und dadurch werden die Chamäleons dunkel. In Ruhephasen dehnen sich die Zellen aus und dann kommen die kräftigen, helleren Farben zur Geltung. Das "Kleid" hilft den Meistern der Tarnung, wenn sie selbst mit ruckartig pendelnden Bewegungen, die dem Schwanken eines Blattes im Winde ähneln, auf Beutejagd gehen und schützt sie auch vor Feinden wie Raubvögeln.
Die Zehen und Finger der Urwelt-Ungetüme im Miniformat sind zu Greifzangen zusammengewachsen, wobei die zur Klasse der Kriechtiere gehörenden Kletterer an den Hinterbeinen außen drei und innen zwei Zehen haben. Bei den Vorderbeinen ist es umgekehrt. Die meisten Arten werden unterstützt von einem einrollbaren muskulösen Greifschwanz, der wie auch die Zunge manchmal länger ist als der ganze Körper. Die kleinste Art (Brookesia minima) hat eine Gesamtkörperlänge von nur 3,5 Zentimetern, während die größte Art (Columma oustaleti) über 80 Zentimeter lang werden kann.
Sprichwörtlich ist das Chamäleon als Begriff für Personen geworden, die es verstehen, sich jeder Umgebung anzupassen. Dies kann sowohl positiv als auch negativ gemeint werden. In einigen Kulturen steht das Chamäleon für die Zeit, da seine Augen mit der Fähigkeit nach hinten, seitlich und nach vorn gleichzeitig zu blicken, als Symbol für die Einheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gelten.
Das Chamäleon ist als Kletterer an ein Leben in Bäume angepasst und gilt als eher lausiger Schwimmer. Trotzdem soll es schon vor Millionen Jahren die Weltmeere per Floss bereist haben, glauben amerikanische Forscher. Ihre Lebensräume könnten die Tiere unfreiwillig über Bäume erreicht haben, die bei Stürmen ins Meer getrieben wurden. Wissenschaftler vom American Museum of Natural History in New York verglichen 52 Chamäleonarten und fanden dabei übereinstimmungen in Morphologie und Erbgut, die auf gemeinsame Ahnen aus Madagaskar schließen lassen. Nach den Rekonstruktionen der Forscher könnten die Echsen in mehreren Wellen von der Insel aus in die weite Welt aufgebrochen sein. Die Forscher widersprechen damit früheren Modellen, nach denen sich der Vorläufer des Chamäleons auf dem Urkontinent Gondwana ausbreiten konnte.
Ihr wichtigstes Argument: Erste fossile Funde früher Chamäleons sind vergleichsweise "junge" 26 Millionen Jahre alt. Madagaskar und Indien trennten sich aber schon vor 165 Millionen Jahren vom späteren afrikanischen Kontinent, Indien selber von der Insel vor 88 Millionen Jahren. Das Chamäleon tauchte also lange nach der Isolation Madagaskars auf. Die Wanderung über Meere ist schon Ameisen, Spinnen und anderem Getier gelungen. Warum nicht auch dem Chamäleon? "Die Wege des Chamäleons über den Ozean werden spekulativ bleiben", schätzt Olivier Rippel vom Field Museum in Chicago. Er hält die Floß-Theorie für ebenso wahrscheinlich wie die Vermutung, die Tiere hätten eine Landbrücke nach Afrika genutzt. Eine solche Verbindung zwischen Afrika und Madagaskar könnte es nach Meinung anderer Forscher noch bis vor 26 Millionen Jahren gegeben haben.
Chamäleons gehören übrigens zu den anspruchsvollsten Terrarientieren. Sie mögen es feucht – hierfür sorgt eine gute Bepflanzung, ein Wasserspender in den Terrarien und zusätzliches Besprühen mit einer Blumenspritze. Außerdem ist Wärme wichtig: Normale Zimmertemperaturen reichen zumindest bei Tage nicht aus. Für Terrarienneulinge sind Chamäleons, so die Fachleute, nicht geeignet. Die Anschaffung der faszinierenden Lauerjäger mit all ihren Sondermerkmalen sollte mehr als gut überlegt sein und dem erfahrenen Terraristen vorbehalten bleiben.



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