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Schnöde Besenstiele sollen dazu beitragen, den auf der Tropeninsel Madagaskar schon recht seltenen Bergnebelwald in der Nähe der Stadt Ambatolampy (="Stadt der Felsen"), 68 Kilometer südlich der Hauptstadt Antananarivo, auf Dauer zu erhalten. Wenn der Schweizer Forstingenieur Guido Besmer dieses Ziel des von 1989 bis 2007 ausgelegten Projektes der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) mit Sitz in Eschborn formuliert, dann huscht manchem Besucher zunächst ein Lächeln übers Gesicht. Doch bei der Fahrt mit dem allradgetriebenen Geländewagen in den 17 Kilometer entfernten, streng geschützten Wald von Manjakatompo wird an jeder Station und anhand der Erläuterungen des Madagaskarfachmannes deutlich, dass es hier in vorbildlicher Weise gelungen ist, die Bevölkerung aktiv an der Schutzaufgabe teilhaben zu lassen. Von den Ergebnissen der umfangreichen Bemühungen, die auf andere Teile der Insel ausgeweitet wurden, profitieren nicht nur künftige Generationen, sondern auch die heute in diesem dicht besiedelten Gebiet lebenden Menschen.
Der 53-jährige Besmer und sein rund 20-köpfiges Team arbeiten eng mit l'Union Forestiere d'Ambatolampy zusammen, die den Staatswald bewirtschaftet. Jeweils 1500 Hektar entfallen in dem Schutzgebiet auf den wertvollen Naturwald und auf Flächen, die zur Kolonialzeit mit aus Mexiko beziehungsweise Ostasien stammenden Kiefern (Pinus patula und Pinus kesiya) aufgeforstet wurden. Diese Nadelbäume umgeben den äusserst schützenswerten Kernbereich wie einen Gürtel. Von der ersten Stunde an wurde besonderer Wert darauf gelegt, dass die in ärmlichen Verhältnissen lebende Bevölkerung von den Produkten aus dem Wald einen persönlichen Nutzen hat, was ganz entscheidend zur Verringerung von Waldbränden und wilder Abholzung sowie zu einem noch besseren Schutz beitragen soll. Und genau an dieser Stelle beginnt die Geschichte der Besenstiele, die von Ambatolampy aus die Reise fast über die gesamte Insel, immerhin die viertgrösste der Welt, antreten. Für die auch in Madagaskar üblicherweise kostenintensive Erstdurchforstung der Kiefernbestände nach der Naturverjüngung (die Wiederaufforstung übernimmt hier Mutter Natur in einem atemberaubenden Tempo) können sich Frauen und Männer bei der Union Forestiere melden, die den Interessenten dann gekennzeichnete Flächen zuweist. Den Markt für Besenstiele haben die findigen Waldarbeiter selbst entdeckt und ausgebaut. Sie dürfen das anfallende Holz und die dünnen Stämmchen der Kiefern, die zu eng aufeinander gewachsen sind, behalten und selbst vermarkten. Etwa 10000 Besenstiele, schätzt Fachmann Besmer, fallen pro Hektar an. Pro Jahr werde durch deren Verkauf ein zusätzliches Einkommen von mehreren Millionen Franc Malagasy pro Familie erzielt - eine stattliche Summe, die zum Teil in die Finanzierung der hier üblichen Totenumwendungsfeiern fliesst. Eine Million Franc Malagasy entsprechen rund 150 Euro. An weiteren Sortimenten, die zur Finanzierung von Löhnen und Investitionen der madagassischen Forstunion dienen, fallen Stammholz für die Sägeindustrie sowie Spanplatten- und Papierholz mit einem Gesamteinnahmevolumen von rund 240 Millionen Franc Malagasy pro Jahr an. Das unverwertbare Ast- und Kronenmaterial, das nach dem Fällen der hiebreifen Kiefern übrigbleibt, kann ebenfalls von der Bevölkerung genutzt werden. Es trägt in erster Linie zur Herstellung der in Stadt und Land nach wie vor unverzichtbaren Holzkohle bei, deren Verkauf für zusätzliche Einnahmen sorgt. Die qualmenden und weithin sichtbaren Kohlenmeiler müssen, das ist vertraglich festgehalten, ausserhalb des Waldes angelegt werden. Etwa 50 Prozent der Brennenergie gehe, so der Schweizer Forstingenieur, bei der Umwandlung von Holz in Kohle verloren. Hier liesse sich ein weitaus besseres Ergebnis durch ein effektiveres Anlegen der Meiler und einen besseren Ablauf (Belüftung, Feuchtigkeitszufuhr etc.) erzielen, ist er überzeugt. Der Kiefernwald, die aus Mexiko stammende Art ist vorherrschend, wurde in den 50er Jahren angelegt. Die Umtriebszeit beträgt in Manjakatompo nur rund drei Jahrzehnte. "Das Klima mit hohen Niederschlägen und auch der nährstoffreiche Boden sind geradezu ideal für diese eingeführte Baumart." Eine langfristige Vision sei jetzt, so Besmer weiter, die Ausweitung der Laubholzflächen, um auch besser gegen die Gewalt der Zyklone gewappnet zu sein, die in Monokulturen enorme Löcher reissen können. Die Besenstiele bringen pro Stück ab Wald etwa 50 Franc Malagasy. Auf dem grossen Wochenmarkt in Ambatolampy, zu dem donnerstags viele Menschen aus dem Umland in den langgezogenen Ort strömen, werden die Stöcke von Handwerkern, die die borstigen Unterteile fertigen, in Massen aufgekauft. Der rötliche, in Madagaskar allgegenwärtige Sand und Staub dringt durch alle Ritzen und so muss in Häusern und Hütten gleich mehrmals am Tag kräftig gefegt werden. Der Verschleiss an Besen ist also ganz enorm. Das Gesamtprojekt, für das rund 27 Millionen Mark veranschlagt waren, lief 1989 als reine Forstmassnahme im Perimeter von Ampahibato an und wurde von der Weltbank finanziert. Mit Anrainern wurde in den 1500 Hektar umfassenden Kiefernbeständen eine Bewirtschaftung zur Papierholzhrstellung durchgeführt. Im Laufe der Zeit kamen neben dem Forst flankierende Massnahmen ausserhalb der Waldwirtschaft dazu, so die Gemeindeplanung. Guido Besmer: "Wir versuchen, mittels Aktivitäten in Dörfern und Gemeinden den Wald zu entlasten." Die Bewirtschaftung von 20000 Hektar im Naturwald Richtung Ostküste von Madagaskar ist in Vorbereitung. Während Besmr erzählt schraubt sich der Jeep von 1700 Metern Richtung Gipfel, der etwa 900 Meter höher liegt. Zunächst geht es durch einen herrlichen botanischen Garten mit rund 150 Baumarten, ebenfalls ein Relikt der Franzosenherrschaft, dann vorbei an Windwurfflächen und an einer Baumschule, in der einheimische Arten für Anreicherungspflanzungen im Naturwald gezogen werden. Ein Problem, das mit Einzäunungen gelöst wird, stellt die starke Beweidung durch die allgegenwärtigen Zeburinder dar. Dann endlich ein eindrucksvoller Ausblick auf den in Madagaskar schon sehr seltenen Bergnebelwald, dessen Bewahrung über die Nutzung des Kiefernbestandes finanziert wird und auf diese Art und Weise auch auf Dauer erhalten werden soll. Mit ein Grund für den erfolgreichen Schutz dieser Flächen sind auch die beiden Königsgräber des Volksstammes der Merina im Gipfelbereich, an denen unter anderem auch heute noch Neujahrsfeste gefeiert werden. Guido Besmer lässt sich, sofern es die Zeit mal erlaubt, ganz gerne oben absetzen und spaziert dann duch den unterholzfreien Naturwald oder die Bio-Universität, wie er ihn bezeichnet, talwärts. Das Problem der immer noch aufflackernden Buschfeuer, die die Arbeit von Jahren zunichte machen können, soll durch verstärkte Fusspatrouillen in der heissen Jahreszeit minimiert werden. Der Wald ist auch, und das ist nicht zu unterschätzen, ein wertvolles Quellgebiet und stellt über den aus ihm gespeisten Lac Froid (=kalter See) die Wasserversorgung von Ambatolampy sicher. |
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