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"Berliner" befördern auf Madagaskar Gäste

Gleich vier "Pousse-Pousse" mit diesem Namen sind in Antsirabe ständig unterwegs

Von Klaus Heimer, Antananarivo

Pousse Pousse


Die vier "Berliner" in der Edelsteinmetropole Antsirabe im Hochland der Tropeninsel Madagaskar legen jeden Tag etliche Kilometer zurück und befördern dabei jede Menge Leute quer durch die Stadt. über 5000 "Pousse-Pousse", das madagassische Pendant der asiatischen Rikschas, bestimmen hier nach wie vor das Strassenbild. Die umweltfreundlichen Gefährte haben die Taxis fast komplett verdrängt.
Jedes "Pousse-Pousse" erhält von der Stadt ein eigenes Nummernschild, der "Tireur" (Fahrer) muss vor Beginn seiner läuferischen Tätigkeit sogar einen Führerschein machen und beweisen, dass er sich möglichst unfallfrei im oft hektischen Verkehrsgewühl bewegen kann. Bei Vergehen gibt es Strafmandate.
Die wendigen "Pousse-Pousse" mit ihren überdachten Sitzbänken sind bunt bemalt und oft auch mit hübschen Ornamenten verziert. Die in vielen Städten des Landes - so Tamatave, Tulear, Majunga, Antsiranana oder Moramanga - gängigen öffentlichen Verkehrsmittel mit den grossen Rädern sind auch wegen ihrer einfallsreichen Namen wie "Express", "Olive", "Soanambo"(=Brotfruchtbaum), "Bonne chance", "Air France", "Tonga Soa" (=Willkommen) oder auch "Berliner" ein Blickfang.
Der 22-jährige Luva, der seit seinem 13. Lebensjahr mit dem "Pousse-Pousse" seinen Lebensunterhalt verdient, ist einer der vier "Berliner". Sein Gefährt gehört einem Madagassen, von dem er es täglich für etwa 3000 Franc Malagasy (umgerechnet etwa ein halber Euro) ausleiht. Warum der Name "Berliner" ausgewählt wurde, ist trotz intensiver Nachforschungen nicht mehr zu erfahren, zu oft haben die vier "Pousse-Pousse" dieses Namens schon den Besitzer gewechselt. Die deutsche Hauptstadt Berlin ist natürlich im fernen Madagaskar ein Begriff und auch der Vollwaise Luva hat schon von ihr gehört. "Einen echten Berliner habe ich jedoch bisher noch nicht befördert," ist er sich sicher. Schon macht er sich für die nächste Tour startklar, die ihn zum Bahnhof und dann zur Station der "Taxi-Brousse" (Buschtaxi) Richtung Hauptstadt führen wird.
Bei Regenschauern, die insbesondere im Dezember und Januar an der Tagesordnung sind, verschwindet der Fahrgast hinter einer schützenden Plastikplane. Rund um die Uhr trifft man die "Pousse-Pousse" an, deren Fahrer nicht selten auch darin schlafen. In rund 20 Werkstätten in der Stadt werden die Verkehsmittel gebaut, die rund 800000 Franc Malagasy (etwa 115 Euro) kosten. Ein "Tireur", der meist barfuss oder in Gummilatschen läuft, kann sich eine solche Anschaffung nur in den seltesten Fällen leisten und muss sein "Pousse-Pousse" also mieten. So auch unsere vier "Berliner", die im harten Konkurrenzkampf ihr täglich Brot, lies: Reis, verdienen müssen.
Nach langer "Pousse-Pousse"-Herrschaft ist vor gut fünf Jahren für Antsirabe (der Name bedeutet "wo es viel Salz gibt") ein neues Verkehrszeitalter angebrochen. Mehrere Buslinien wurden eingerichtet, die schneller und billiger sind als die von Muskelkraft bewegten Rikschas. Mit diesen kostet eine Fahrt heute etwa 1000 Franc Malagasy für Kurzstrecken. Der Preis sollte auf jeden Fall vorab mit dem "Tireur" ausgehandelt werden, sonst kann es am Ziel zu unliebsamen Diskussionen und horrenden Forderungen der oft schlitzohrigen Burschen kommen.
Insbesondere Touristen sind willkommene Kunden. Sobald einer auftaucht, läutet die Glocke an einer der beiden Holzstangen des "Pousse-Pousse", mit denen das Gleichgewicht gehalten wird. Die Fahrer sind stets auf dem Sprung, ein neues Ziel auf Schusters Rappen anzusteuern und den potenziellen Kunden die Nummern ihrer kleinen Fahrzeuge lautstark in Erinnerung zu rufen.
Die "Pousse-Pousse" sollen von britischen Missionaren eingeführt worden sein. Auf ihren Hinweis lösten sie die Sänften ab, welche von vier Personen getragen wurden. Die neuen Gefährte verbreiteten sich zuerst im Missionszentrum Tamatave (Hafenstadt an der Ostküste der Insel), dann auch in der hügeligen Hauptstadt Antananarivo. Hier waren die Strassen anfangs (zum Grossteil auch heute noch) in einem schlechten Zustand, so dass die "Pousse-Pousse" von einer Person gezogen und von einer weiteren von hinten geschoben werden mussten. Daher auch ihr Name, der wörtlich "schieb, schieb" bedeutet.
Die politische Krise mit Generalstreik, Strassenblockaden, Sprengung von Brücken, Benzinmangel etc. in Folge der Staatspräsidentenwahl sorgte im vergangenen Jahr für eine Renaissance der "Pousse-Pousse": Da über einen Zeitram von mehreren Monaten nur noch wenige Autos verkehrten, stiegen die Tageseinnahmen des "Tireurs" in dieser Zeit auf das Doppelte und Dreifache an. Sogar Umzugsgut, ferner fast alle Waren für die lokalen Märkte, wurden in diesem Zeitraum von ihnen transportiert. In der Hauptstadt Antananarivo sind derzeit 3200 "Pousse" registriert, die ausschliesslich Lasten befördern.



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