Klaus Heimer   Klaus Heimer

Papierherstellung wie im alten Ägypten

Im Städtchen Ambalavao im Herzen Madagaskars kann man bei dem aufwendigen Arbeitsprozess zusehen

Von Klaus Heimer, Antananarivo

Antaimoro Papier


Ein monotones Klopfgeräusch empfängt den Besucher schon am Eingang des Geländes der landesweit bekannten Papierfabrik der Antaimoro im Städtchen Ambalavao, etwa genau in der Mitte zwischen der madagassischen Hauptstadt Antananarivo und der knapp 1000 Kilometer entfernten Hafenstadt Tulear. Das Geräusch wird beim Näherkommen intensiver, die Neugier ist geweckt. Eine Frau sitzt auf einer Matte und hämmert auf einem gelblichbraunen Teiggemisch herum. Doch der Reihe nach:
Die Herkunft des naturfarbenen Papiers der Antaimoro, das sich wie feine, seidige Rauhfasertapete anfühlt, ist weit in die Vergangenheit zurückzuführen. Nach der Legende erlitt ein Segelboot aus Arabien vermutlich zu Beginn des 12. Jahrhunderts an der Südostküste der "Grossen Insel" Madagaskar, dort wo der Strom Matitana in den Indischen Ozean mündet, Schiffbruch. Der Volksstamm der Antaimoro oder "Küstenbewohner", der das fruchtbare Tal bewohnte, bot der Mannschaft in Not Gastfreundschaft. Da diese Araber nicht mehr heimreisen konnten, liessen sie sich bei den Antaimoro nieder. Die heutigen Könige des Bezirks Vohipeno sind ihre direkten Nachfolger.
Als gläubige Moslems hatten die Araber einige Exemplare des Koran mitgebracht. Die Bücher zerfielen aber im Laufe der Zeit. Da die Neuankömmlinge jedoch wussten, wie man Papier herstellt, suchten sie geeignete Pflanzen als Rohstoff und stiessen dabei auf den Avoha, ein wild wachsendes Maulbeerbaumgewächs. Seine stabilen Fasern, "schöner als das Alfa vom Nilufer", ermöglichten ihnen, Papier anzufertigen und ihre heiligen Manuskripte darauf zu schreiben. Sie brachten den Antaimoro auch die arabische Schrift bei und bekehrten viele zum Islam.
Bis vor einigen Jahren stellten nur wenige Handwerker Papier her, ausschliesslich für den Gebrauch der "Ombiasa", der Medzinmänner, die dieses Papier speziell für ihre Zauberbücher verwendeten. Man glaubt auch heute noch vielfach, diese heiligen Schriften, auch Sorabe genannt, und das Antaimoro-Papier besitzen eine magische Macht.
1936 forschte der junge französische Plantagenbesitzer Pierre Mathieu, so ist es in den Unterlagen der Papiermanufaktur nachzulesen, "hingerissen von der Schönheit und Originalität", nach der Herstellungsweise, die bis dahin streng geheim gehalten wurde. Da er bei den Antaimoro aufwuchs und ihre Mundart beherrschte, gelang es ihm schliesslich, das Geheimnis zu lüften und stellte das Papier mit Zustimmung und in Zusammenarbeit der Nachfolger der Araber in grösserem Stile her.
Im hinteren Bereich des herrlichen Gartens am nördlichen Ausgang von Ambalavao, in den ein Hotel, ein Restaurant und ein Verkaufsshop integriert sind, kann man die aufwendige Herstellung heute kostenfrei besichtigen - auch sonntags. Zuerst wird die Rinde des Avoha-Baumes in einem mächtigen Kessel mehrere Stunden zu Fasern zerkocht und dann mit kaltem Wasser zu breiigen Kugeln geknetet. Diese werden dann noch per Holzhammer zu einem Teig geklopft, bis er dünn genug ist, um ihn auf Baumwolltücher, die in Holzrahmen gespannt sind, gleichmässig zu verteilen. Nachdem die Masse mit Wasser übergossen und gesiebt worden ist, legen Arbeiterinnen die Blüten auf, wobei viel Phantasie und Geschick bei der Wahl der Motive an den Tag gelegt wird. Das Ganze wird mit einem leichten Lackleim versiegelt, bevor der Trockenprozess erfolgt. Früher durfte der heilige Papierrohstoff nur bei Mondlicht auf die Rahmen gespannt und getrocknet werden, "damit es seine Stabilität, Originalität und unerreichbare Schönheit bewahrt."
Seit das Papier auch zu Dekorationszwecken genutzt wird (Briefpapier, Lampenschirme, Fotoalben, Wandschmuck, Tapete etc.) sind in unmittelbarer Nachbarschaft der Manufaktur viele Blütenbäume und -sträucher gepflanzt worden - eine kleine Oase in einer ansonsten eher tristen Stadt, die sich noch durch die Gestaltung ihrer alten Balkone und die Seidenproduktion einen Namen gemacht hat.



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