Klaus Heimer   Klaus Heimer

Einsatz für Waisenkinder und Büschelohrmakis

Anna Stangl aus Lindau arbeitet acht Monate in zwei Projekten auf Madagaskar / Den Horizont erweitern

Von Klaus Heimer, Antananarivo

    


Die ältere Schwester Katrin hat es vorgemacht und nach dem Abitur ein halbes Jahr in Indien verbracht. Anna Stangl aus Lindau ist derzeit auf der fernen Tropeninsel Madagaskar, arbeitet dort ehrenamtlich in einem Waisenhaus und unterstützt anschließend eine belgische Biologiestudentin im östlichen Regenwald bei der Erforschung einer seltenen Lemurenart.

Die 20–Jährige Anna Stangl hat im Sommer 2006 am Valentin–Heider–Gymnasium in ihrer Geburtsstadt Lindau ihr Abitur gemacht und lange vor dem erfolgreichen Abschluss bereits das Internet durchforstet. "Ich wollte in ein französischsprachiges Land in Afrika." Bei der Suche stieß sie auf die Mailanschrift einer Schweizerin, die nahe der madagassischen Hauptstadt Antananarivo längere Zeit ein Praktikum in der von Engländern gegründeten Einrichtung "Akany Avoko" (Haus der Avoko–Blume) geleistet hat. Anna: "Ich habe mich dort beworben, eine Zusage erhalten und im September vergangenen Jahres wurde der Koffer für acht Monate gepackt." Familie und Freunde, aber auch die Volleyballerinnen des TSV Lindau werden ihre Mitspielerin, die seit der Jugend dem Verein angehört, ebenso vermissen wie die evangelische Jugend der Kirchengemeinde St. Stephan. Diese hat jedoch Brücken gebaut und gerade den Erlös des jährlichen Weihnachtsverkaufsstandes von 322 Euro einem Heim für Jungen in Antananarivo zur Verfügung gestellt. Anna arbeitet auch einmal die Woche in dieser Einrichtung. "Es fehlt dort einfach an allem."

Froh ist die Lindauerin, dass ihre Eltern den Wunsch, nach dem Schulabschluss zunächst einmal die Welt kennenzulernen und den Horizont zu erweitern, unterstützen. Schwester Katrin wird Anna übrigens im April in Madagaskar besuchen und nach einer Rundreise geht es dann gemeinsam zurück an den heimischen Bodensee.

In dem Heim "Akany Avoko" werden rund 130 Kinder, meist Mädchen, betreut, die keine Eltern mehr haben, um die sich niemand sorgt, die verlassen, auf der Strasse ausgesetzt beziehungsweise missbraucht oder misshandelt wurden. Anna kümmert sich um die Jüngsten, die gewaschen, gewickelt, gefüttert oder auch getröstet werden wollen. Kenntnisse in der Landessprache Malagasy eignet sie sich im Umgang mit ihren Schützlingen an, zudem erteilt sie den älteren Mädchen des Zentrums regelmäßig Französischunterricht. "Ich mache hier viele neue Erfahrungen vor allem im Umgang mit den Kleinkindern und die ungewohnte Tätigkeit als Sprachlehrerin ist ebenfalls ein Experiment." Während der Jugendzeit hat Anna teils privat, teils mit der Schule an Begegnungen mit jungen Leuten in der französischsprachigen Schweiz, in Paris, Strassburg und sogar in Australien teilgenommen.

Neben der sportlichen Betätigung wird in der Freizeit viel gelesen, ins Kino gegangen, daneben "bin ich ein absoluter Meerfan, schwimme, tauche und schnorchle sehr gerne". Im Waisenhaus arbeitet Anna mit weiteren Praktikanten aus Deutschland, der Schweiz, der USA, Indien und England zusammen. Ein internationales Team also, das sich gegenseitig hilft und dort auch wohnt.

Im Februar geht es dann für zwei Monate in das Naturschutzgebiet Andasibe, 140 Kilometer östlich der Hauptstadt. Dort schreibt derzeit eine belgische Oxford–Biologiestudentin ihre Doktorarbeit über die seltenen Büschelohrmakis, eine Lemurenart im Regenwaldgebiet, die noch kaum erforscht ist. Anna wird mit ihr die putzigen nachtaktiven Tiere fangen, diese markieren und das Verhalten studieren. "Das wird sicher sehr interessant. Es ist toll, dass ich hier zwei völlig unterschiedliche Sachen machen kann, da ich mich noch nicht genau entschieden habe, was ich studieren möchte. Die Bereiche Französisch, Geografie oder Ethnologie stehen derzeit auf der Wunschliste ganz oben."





nächste Reportage: Herausforderung für jeden Osterhasen: Madagaskars Eier der XXL-Größe

Reportagen von A – Z

Dem Autor eine Mail schicken

© Klaus Heimer. Ein Nachdruck der Artikel ist nur mit schriftlicher Zustimmung des  Autors erlaubt.
Sollte eine Exklusiv-Reportage zu einem speziellen Thema oder die Ausarbeitung einer nicht alltäglichen Studienreise gewünscht werden, bitte per Mail anfordern.