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In "Alt München" wird auch gegen das Heimweh gekocht

In Madagaskars Hauptstadt betreibt ein gebürtiger Magdeburger das deutsche Restaurant / Sauerkraut ist der Renner

Von Klaus Heimer, Antananarivo

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Münchener Sauerbraten, Schweinshaxen, hausgemachte Bratwurst mit Sauerkraut und Semmelknödel, Rindsrouladen, Jägerkotelett mit Spätzle, Gulasch–, Leberknödel– und Grießnockerlsuppe sowie weitere Gerichte sorgen nicht nur in deutschen Landen für Gaumenfreuden: Seit über einem Jahr erfüllt Horst Pichler, Besitzer des Restaurants "Alt München" im Stadtteil Ankadikely–Ilafy in Madagaskars Hauptstadt Antananarivo, lukullische Wünsche in– und ausländischer Gäste. Der 66–jährige gebürtige Magdeburger, den es vor rund 20 Jahren beruflich auf die Gewürzinsel verschlagen hat, hat sich hier bestens eingereiht in die abwechslungsreiche Küche des Minikontinentes, die in erster Linie afrikanische und asiatische, aber auch vielfältige europäische Einflüsse vereint. Pichler: "Ich habe ein Faible für München – daher der Name."

Schon von weitem sieht man die bayrische Flagge im Wind wehen. Für Mitglieder der deutschen Gemeinde, die inzwischen gut 350 Personen umfasst, ist das schmucke in Eigenleistung geschaffene Restaurant, dessen Einrichtung viel Liebe zum Detail aufweist, ein Stück Heimat geworden. "Ich koche auch gegen Heimweh", bekennt der clevere Gastronom, der schon seit Jahren Speiseeis herstellt und mit dieser kühlen Köstlichkeit auf der sonnenverwöhnten Insel große Hotels und Restaurants beliefert. An der kupferbeschlagenen Theke mit überdimensionalen Bierdeckeln bekannter deutscher Brauereidynastien wird frisches Weißbier gezapft, das Landsmann Uwe Geyer seit einiger Zeit in der Heimat von Pfeffer und Vanille braut.

Minister und weitere "hohe Tiere" der Regierungsmannschaft des deutschfreundlichen Staatspräsidenten Marc Ravalomanana, aber natürlich auch Touristen geben sich bei Pichlers die Türklinke in die Hand. "Mundpropaganda ist die beste Werbung", weiß der weitgereiste Koch, dessen Küchenmannschaft den Geschmack der Kundschaft haargenau trifft. "Sauerkraut mit Würstchen ist der Renner. Sogar Taiwanesen, die früher stets Fisch mit Reis bei mir bestellt haben, ordern jetzt diese deutsche Spezialität." Salzburger Nockerl, Apfelstrudel oder Zwetschgenknödel auf der Dessertkarte künden vom Heimatland österreich der Mutter Pichlers. Die musikalische Untermalung reicht vom Song "Die kleine Kneipe" bis zu "Anneliese" oder – bei den Oktoberfesten – flotter Blasmusik.

"Kochen und Backen sind meine Leidenschaft", betont Horst Pichler, der mit seiner einheimischen Frau Sahondra zwei Kinder – Claudia (17) und Paco (14) – hat. Der 66–Jährige kann auf etliche berufliche und geografische Stationen in seinem Leben zurückblicken. Nach dem frühen Tod des Vaters, der auf dem Weg von Russland nach Deutschland von einer Bombe getötet wurde, die seinen Zug traf, zog die Mutter mit dem Sohn zurück ins heimatliche Graz, wo Horst Pichler aufgewachsen ist. In Saalfelden am Steinernen Meer erlernte er zunächst den Beruf des Instrumentenbauers (Gitarren und Zither), heuerte dann für drei Jahre als Matrose bei der Donau–Dampfschifffahrt an, pendelte als Schleppführer zwischen Linz, Regensburg und dem Schwarzen Meer hin und her. Die heute 88–jährige Mutter zog später nach Klagenfurt. Horst Pichler tat dort bei Johannes Zimmer den ersten Schritt in den Textilsektor und bedruckte unter anderem Meterware mit Motiven. Im bundesdeutschen Heidenheim an der Brenz, bei der früheren Württembergischen Cotton–Manufaktur, wurden diese Kenntnisse weiter vertieft, bevor er einem Ruf aus Dänemark folgte und dort mit einem aus Deutschland stammenden technischen Direktor vier Jahre in der Textilproduktion tätig war. Den rastlosen Weltenbummler zog es Ende 1969 in die senegalesische Hauptstadt Dakar, wo gerade eine französische Firma einen Fachmann für die Textildruckerei suchte. Zwei Elsässer, ein Krefelder und Pichler arbeiteten dort mit Einheimischen Hand in Hand. Die frühere deutsche Kolonie Togo war nächste Station. In bester Erinnerung aus jener Zeit sind die dortige deutsche Brauerei, die herzhaften Wurstwaren und auch der Besuch des früheren bayerischen Ministerpräsidenten Franz–Josef Strauss. Zurück in Deutschland beendete Pichler zunächst in Mönchengladbach sein Studium als Diplom–Textilingenieur. "Das Arbeitsamt hatte damals keinen Job für mich und so war ich dankbar für den Tipp eines Hamburger Textilmaschinenherstellers, das im ostafrikanischen Tansania ein Technischer Direktor in einer Fabrik mit Weberei, Strickerei, Färberei und Druckerei gesucht wurde." Nach acht Jahren in Dar–es–Salam wurden erste Kontakte zur Stofffabrik Sotema im madagassischen Majunga geknüpft. "1985 habe ich das Unternehmen besucht, in dem hart um das Gehalt gefeilscht wurde. Ich habe damals hoch gepokert." Nach sechs Monaten habe die Firma dann angebissen. Im April 1986 übernahm Pichler für drei Jahre die Leitung der dortigen Druckerei.

Es folgte ein Kurzaufenthalt in Deutschland, der entscheidende "Folgen" hatte: "Per Zufall lernte ich im nordrhein–westfälischen Coesfeld das Ehepaar Dickmann (Bruder des bekannten Mohrenkopfherstellers) kennen, das damals einen Eissalon betrieb, sich jedoch zur Ruhe setzen wollte." Pichler überlegte nicht lange, baute nach einer achtwöchigen Einweisung und etlichen Eistests die Maschinen ab und verstaute auch die gesamte Ausstattung des Salons von der Kühltheke bis zum Löffel in einen Container. Ab ging die Post 1989 per Schiff nach Madagaskar, an welcher Insel – nicht nur aus privaten Gründen – sein Herz hängt.

Hier hat Pichler seinen Eissalon "Bettina" eröffnet, nicht weit von der Haltestelle der Buslinie 163. Die Eingebung für den Namen hatte Pichler in Klagenfurt. "Beim freitäglichen Markt entdeckte ich dort das Eiscafe "Bettina", dessen Einrichtung sehr nett ist. Mir hat's gefallen und ich habe den Namen nach Madagaskar exportiert." Im Schnitt werden pro Tag etwa 200 Liter Eis hergestellt, wobei Vanillegeschmack in der Gunst der Kundschaft ganz oben steht. "Manchmal wird auch nur grünes, gelbes oder rotes Eis für ein Buffet bestellt", schmunzelt Pichler über die originelle optische Zusammenstellung. Das urgemütliche Restaurant "Alt München" im Erdgeschoss des Wohnhauses der Familie Pichler "ist mein großes Hobby im Unruhestand".



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