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"Albert, wann Du kommen? Wir brauchen Dir!"

Küchenchef Dyballa aus Neu-Isenburg gibt seine Kenntnisse weltweit weiter / Bisher 13 Einsätze für den Bonner Senior Experten-Service / "Mir gefällt Afrika"

Von Klaus Heimer, Antananarivo

Albert Dyballa


Etwa 13.000 Einsätze wurden seit der Gründung des Bonner Senior Experten Service im Jahre 1983 in 150 Ländern der Erde durchgeführt. 2003 lagen die Schwerpunkte in den Arbeitsbereichen Industrie (47 Prozent), Infrastruktur (20), Bildungswesen (12), Handwerk (7), Dienstleistungen (5), Agrarwesen (5) und Handel (4 Prozent). Die gemeinnützige Gesellschaft entsendet aus dem Beruf ausgeschiedene Fachkräfte (Senior Experten), die ihr Wissen und ihre Berufserfahrung ehrenamtlich bei Einsätzen im In- und Ausland weitergeben. Taschengeld, Kost und Logis werden, je nach Situation, vom Auftraggeber oder unterstützend von der Bonner Zentrale übernommen.
Einer dieser rund 6200 registrierten Experten, davon lediglich 7 Prozent Frauen, ist der 65-jährige Küchenmeister Albert Dyballa aus Neu-Isenburg, der seit 1998 bei 13 verschiedenen Maßnahmen in neun Ländern - Tansania, Kenia, Bulgarien, Mongolei, Lettland, Usbekistan, Namibia, Mazedonien und, ganz aktuell, Madagaskar seine Erfahrungen und Kenntnisse weitergegeben hat. Die zahlreichen beruflichen Stationen führten den aus Weisswasser/Niederlausitz stammenden Dyballa, der in Deggendorf /Niederbayern aufgewachsen ist, mehrmals rund um den Erdball.
"Lerne einen Beruf, in dem Du etwas zu essen hast," rieten der aus Oberschlesien stammende Vater, ein Metzger, und die Mutter. Albert Dyballa: "Ich hätte in der elterlichen Metzgerei mitarbeiten können, doch ich habe immer ein persönliches Verhältnis zu Tieren entwickelt. Schlachten kann ich sie nicht." Wenige Tage vor seinem 15. Geburtstag begann er in Freiburg/Breisgau eine Lehre als Koch, die er im früher renommierten "Bellevue" (heute eine Seniorenresidenz) in Baden-Baden erfolgreich abschloss. Berufspraxis sammelte der auch sprachbegabte junge Mann unter anderem in Garmisch-Partenkirchen, Düsseldorf, St. Moritz und Hamburg. "Dort streckte ich erstmals meine Fühler Richtung Seefahrt aus, ging aber erst noch nach Stockholm." Doch am 2. Januar 1960 heuerte Dyballa auf einem Frachtschiff mit 22 Mann Besatzung an, das, ein harter Schicksalsschlag, knapp vier Wochen später in der Ostsee unterging. Ein russisches Schiff brachte die überlebenden in die damalige UdSSR und über Rostock ging es dann wieder per Bahn zurück zum Ausgangspunkt Hamburg. "Trotzdem bin ich weiter zur See gefahren."
Mit einem Kombifrachter (Fracht und Passagiere) der Reederei HAPAG wurde in Häfen in Ostasien sowie Mittel- und Südamerika geankert, mit der Hamburg-Süd führte eine Weltreise von Bremen nach Vancouver, Los Angeles und - ein Meilenstein im Lebenslauf von Albert Dyballa – nach Tahiti. "Dort fing mein Leben erst richtig an," schwärmt der Vater von drei Kindern mit glänzenden Augen. "1964 habe ich dort meine spätere Frau kennen gelernt." Bevor er jedoch in der Südsee sesshaft wurde und auf dem Flughafen der Hauptstadt sowie in einem Hotel und in einer Kantine sieben Jahre als Koch beziehungsweise Küchenchef arbeitete, schipperte er noch schnell nach Australien und Indonesien. "Zurück in Hamburg habe ich abgemustert, mir ein Flugticket nach Tahiti gekauft und dort auch schnell Arbeit gefunden." Anfang der 70er Jahre fiel dann die Entscheidung, nach Deutschland überzusiedeln. "Mit dem Verkaufserlös unseres Hauses in Papeete konnten wir in meiner Heimat neu anfangen." Albert Dyballa stieg bei der Lufthansa in Frankfurt schnell vom einfachen Schichtkoch zum stellvertretenden Küchenchef, Einkäufer und Küchenchef der Betriebskantinen auf. 1977 machte er die Meister- und Ausbilderprüfung.
Seit 1. Januar 1997 ist der Weltenbummler im Ruhestand, der jedoch alles andere als ruhig verläuft. "Ich wollte noch etwas machen und dabei anderen helfen. Meine Frau hat mich auf den Senior Experten Service gebracht." 1998 war sein erster Einsatz in Tansania, der Jüngste führte ihn auf die viertgrößte Insel der Welt – nach Madagaskar. "Mir gefällt Afrika – trotz Hitze, Dreck, Staub und Geschrei. Als ich einmal im Fernsehen einen Film über den schwarzen Kontinent angesehen habe, sagte meine Frau zu mir: Da schaust so komisch." Dyballa: "Ich hatte einfach Fern- oder besser Heimweh nach Afrika." Die Menschen in Madagaskar seien sehr freundlich und zuvorkommend. "Man muss jedoch, wie fast überall, eine Engelsgeduld haben, darf nicht mit Europa vergleichen und muss über vieles in den landestypischen Küchen hinwegsehen." Er sei beileibe kein Abenteurer, beteuert der weitgereiste Küchenmeister, der stets auf der Suche nach neuen Horizonten ist. "Eine festbegrenzte Arbeitszeit kenne ich nicht und überall, wo ich hinkomme, mache ich das Beste aus der jeweiligen Situation."
Heitere und manchmal auch kritische Momente oder Episoden hat Albert Dyballa gleich zuhauf erlebt und parat. In der Mongolei ging er in der freien Zeit oft auf benachbarten Hügeln spazieren. Bei einer solchen Exkursion ohne Karte und Kompass wurde er von Polizisten angehalten. "Ein James Bond-Typ mit Sonnenbrille, langem Lodenmantel und Pistole nahm mich mit in einen Hinterhof. Es war wie im Krimi." Später stellte sich heraus, dass Dyballa ahnungslos in den Präsidentengarten spaziert war und die Geheimpolizei ihn einkassiert hatte. Aus der Mongolei hat er nach seiner Tätigkeit in einem Restaurant in Ulaanbaator noch einige Male E-Mails mit gleichlautendem Tenor erhalten: "Albert, wann Du kommen? Wir brauchen Dir!"
Schon während der Seefahrtszeit hatte Dyballa stets ein Fahrrad mit an Bord. "Ich wollte immer hinter die Hügel schauen." In Namibia war er von einem dort erworbenen Mountainbike derart angetan, dass er es mit weiteren Souvenirs mit nach Deutschland nahm. Neben dem Radfahren hält sich der begeisterte Koch mit Joggen fit. Bereits zehn Mal hat er sogar Marathonstrecken absolviert, unter anderem in Frankfurt, Berlin, Hamburg und Paris.
In Taschkent/Usbekistan ist übrigens das Fotografieren in der U-Bahn verboten, erzählt Dyballa augenzwinkernd weiter. "Ich konnte nicht widerstehen, habe meine Kamera gezückt - und wurde prompt erwischt. Doch der Polizist ließ mit sich handeln..."
Rückblickend zieht Albert Dyballa ein positives Fazit seiner Tätigkeit als Trainer von Ausbildern im Hotel- und Restaurantservice oder in den verschiedensten "Kombüsen". "Man muss langfristig denken. Vielleicht bleibt jeweils bei einigen Leuten etwas hängen, sei es im Bereich der Hygiene, dem Aufstellen eines Menuplanes oder der Kalkulation." Arbeitsmäßig habe es ihm am Flughafen in Bulgarien am besten gefallen. "Da lief alles flott von der Hand und hat Spaß gemacht. Alle Länder reizen mich, aber leben würde ich, wenn ich noch jünger wäre, am liebsten in Namibia. Die Wüste dort hat mich finanziert."
Natürlich hat auch ein Koch ein Leibgericht: "Alles, was meine Frau kocht." Zu Weihnachten gibt es im Hause Dyballa jeweils Rinderrouladen mit Knödel und Rotkohl. "Das haben meine Frau und die Kinder nach ihrer Ankunft in Deutschland bei meiner Mutter in Deggendorf kennen gelernt." In naher Zukunft will Familie Dyballa nach Frankreich umziehen, wo aus einer Ruine ein schmucker Alterssitz entstanden ist. Ganz zur Ruhe setzen will sich der Küchenmeister jedoch nicht. "Vielleicht mache ich bald nur noch kürzere Einsätze und lasse dann jeweils meine Frau nachkommen, wenn sie ebenfalls im Ruhestand ist."
Bei den vom Senior Experten Service unterstützten Maßnahmen stehen die Weiterqualifizierung des örtlichen Personals, die Qualitätssicherung der Produkte sowie die Schaffung und Sicherung von Arbeitsplätzen im Vordergrund. Bei jeder Anfrage wird die entwicklungspolitische Bedeutung des gewünschten Einsatzes überprüft. Unter dem Motto "Hilfe zur Selbsthilfe" steht stets das Ziel, die wirtschaftliche Entwicklung in den Einsatzländern zu fördern, um den Lebensstandard der Bevölkerung zu heben, im Blickpunkt. Nach Madagaskar wurden seit 1983 fünf Fachleute entsandt, zehn weitere Einsätze sind auf der vor der Südostküste Afrikas gelegenen Insel geplant.



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