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Mit Madagaskars Reisbauern die Erosion stoppen
Deutscher Entwicklungshelfer Dr. Matthias Görgen erzielt beachtliche Erfolge / Auch Sicherstellung der Ernährung / Neue Grenzziehung der Geldgeber bedroht die Arbeit im Hochland
Von Klaus Heimer, Antananarivo
Die UN–Welternährungsorganisation FAO hat vor einer dramatischen Verschärfung der Hungerkrise in den ärmeren Ländern gewarnt. In vielen Regionen, darunter auch auf der Tropeninsel Madagaskar, verschlechtert sich die Versorgungslage dramatisch infolge explodierender Lebensmittelpreise, Naturkatastrophen und jahrzehntelanger Misswirtschaft im Land selbst. Ende März 2008 waren Reis und Getreide laut FAO doppelt so teuer wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres.
Der saarländische Entwicklungshelfer Dr. agr. Matthias Görgen aus Morscholz, der seit Ende 2004 bis Oktober 2008 auf der Mosambik vorgelagerten Gewürzinsel in einem deutsch–madagassischen Erosionsschutzprojekt tätig war, hat diese Situation schon lange voraus gesehen und nach seiner Ankunft in der Heimat von Pfeffer und Vanille richtig Gas gegeben, um die bestehenden Einsatzgebiete zu sichern, die Arbeit auszuweiten und der Bevölkerung in mittlerweile fünf großen Reisanbauregionen des Landes aus der Misere zu helfen.
Insbesondere aus der Luft sieht man die Wunden, die die Zerstörung des einstmals enormen Waldbestandes auf der „großen Insel“ geschlagen haben. Grabenbrüche, die sich in der Regenzeit stetig vergrößern, das Wegschwemmen der laterithaltigen roten Erde, die an Blut erinnert, und – als Endfolge der Erosion – nackter Granitfelsen, auf dem nichts mehr wächst, überflutete sowie versandete unfruchtbare Reisfelder, in denen abgelagert ist, was von den Wassermassen zu Tal gerissen wird: All das ist in dem bitterarmen Land im Indischen Ozean, das seine Bevölkerung nicht aus eigener Kraft ernähren kann, obwohl dies theoretisch durchaus möglich wäre, keine Schreckensvision, sondern bereits bittere Realität.
Der saarländische Agrarökonom Görgen, der zuvor bereits länger in Togo, Kamerun, Benin, Simbabwe und Südafrika gearbeitet hat, ist für die Menschen in den Einzugsgebieten der Wirkungsbereiche nicht nur ein guter Freund und Berater, sondern ein Hoffnungsträger, sich nicht mit den Gegebenheiten und Schicksalsschlägen der Natur abzufinden, sondern selbst die Zukunft in die Hand zu nehmen. Der 54–Jährige kann dabei auf die Unterstützung der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) mit Sitz in Frankfurt, der in Eschborn ansässigen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und der deutschen Botschaft bauen.
Bei einem Besuch in der 20.000 Einwohner zählenden Gemeinde Soavina, 330 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Antananarivo, in der die Zeit still zu stehen scheint, ist dank des Einsatzes von Dr. Görgen und seines nicht minder engagierten einheimischen Teams mit Germain Razafindravonjy an der Spitze wieder Optimismus eingekehrt. Die Region um die Holzschnitzerstadt Ambositra zählt zu den bedeutenden Reisanbaugebieten auf der viertgrößten Insel der Welt, in dem – und dies ist immer noch eine große Ausnahme – zwei Ernten pro Jahr eingefahren werden können.
Görgen: „Der hier erzielte Ertrag trägt zur Stabilisierung des lokalen Marktes bei, wenn in anderen Gebieten das Hauptnahrungsmittel der Madagassen aus der einzigen Jahresernte bereits aufgebraucht ist.“ Doch die Fehler der Vergangenheit rächen sich dramatisch und bedrohen das Gefüge. Riesige Grabenbrüche an den Flanken der Berghänge bewegen sich in der Regenzeit rasend schnell talwärts und reißen erbarmungslos alles mit, was im Wege steht.
Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanziert das Erosionsbekämpfungsprogramm PLAE (Programme de Lutte Anti–Erosive). Bei einem Besuch an einem der Interventionsstandorte vor Ort wird von Dr. Görgen aufgezeigt, dass mit einem relativ geringen finanziellen Aufwand von gerade mal 1.200 Euro an diesem prekären Punkt geholfen werden konnte.
Die Situation in Andriateza: Eine stattliche Orangenplantage mit fast reifen Früchten zieht das Auge schon von weitem magisch in der ansonsten fast baumlosen Landschaft an. Nur wenige Meter unterhalb der ersten Baumreihe dann der gut 300 Meter lange und 50 Meter breite Grabenbruch, auch „Lavaka“ genannt, der bedrohlich nahe herangerückt ist. Dr. Görgen und sein Team haben in wenigen Jahren das nicht für möglich gehaltene geschafft: Mit der von Richard Dominique Rakotoarisoa geleiteten lokalen Bauernorganisation wurde der obere Rand terrassiert, Bäumchen und Gräser wurden gepflanzt, die die Erde festhalten und bedecken, die Seiten ebenfalls mit Anpflanzungen stabilisiert, und konsequent bis ins Tal weitere mechanische Erosionsbarrieren und Stützmaßnahmen vorgenommen. Am Fuß wurde zudem ein Wall aus Gestein aufgetürmt, der mit Drahtgitterkäfigen zusammengehalten wird, damit bei sintflutartigen Regenfällen die Reisfelder in der Ebene nicht geflutet werden. Spezielle Pflanzen, die in der Trockenzeit den dann allgegenwärtigen Buschfeuern standhalten und somit die Vegetation schützen, die konsequente Verbesserung der Bodenqualität und des Mikroklimas sowie Höhenschutzlinien und Wasserablaufgräben in mehreren Reihen zeigen den Bauern, dass der Negativtrend durch Naturgewalten in der Landwirtschaft gestoppt und umgekehrt werden kann. Görgen: „Die Bevölkerung muss sich engagieren und sie tut es auch. Die Menschen hier sind dynamisch, sie wollen was tun. Die Techniken sind einfach, man muss sie nur kennen und machen.“
Das zehnköpfige Erosionsbekämpfungsteam wurde im eigenen Ausbildungszentrum des PLAE in Marovoay am Betsibokafluss im Nordwesten Madagaskars bestens geschult. Nun bildet es die Einheimischen am Standort Soavina an den Hanglagen von drei größeren Wassereinzugsgebieten aus. Es arbeitet mit den einzelnen Bauernfamilien und bäuerlichen Nutzergruppen sehr eng zusammen und hat auch Test– und Demonstrationsflächen (z.B. Baumschulen) angelegt. Matthias Görgen: „Bauernvertreter aus anderen Regionen kommen nach Soavina, um von den hier erzielten Erfolgen zu lernen.“
Inzwischen konnte an den fünf über die gesamte Insel verteilten Standorten des PLAE die Produktion von bereits ca. 10.000 Hektar Reisflächen, die früher in schöner Regelmäßigkeit versandeten, wieder für den Anbau gesichert werden. Die Reiserträge in den bewässerten Feldern (Bewässerungsperimeter) konnten so zumindest stabilisiert und vielerorts gar gesteigert werden (von durchschnittlich 2,5 auf ca. 4 Tonnen pro Hektar). Zudem wurden über 500.000 junge Bäumchen der Erde zu gutem Wachstum anvertraut und viele tausend Hektar vor der drohenden Versandung geschützt. „All dies trägt dazu bei, dass das nationale Ziel der Regierung, die Inlands–Reisproduktion möglichst schnell zu verdoppeln, um damit die gut 18 Millionen Einwohner Madagaskars aus eigener Kraft ernähren zu können, erreicht werden kann.“
Doch ein Schatten fällt auf die positive Entwicklung: Bei der im Jahre 2007 erfolgten Festlegung der künftigen Interventionsgebiete der Deutschen Entwicklungszusammenarbeit im „grünen Bereich“ wurden von der deutschen Kooperation im Rahmen einer neuen „Grenzziehung“ der Nord– und der Südwesten der Insel als künftige Schwerpunktregionen ausgewiesen.
Görgen: „Damit würde Soavina im Hochland herausfallen, obwohl gerade dieses Gebiet Modellcharakter hat und hier tolle Erfolge erzielt werden“. Der Entwicklungshelfer hat nach dieser etwas „artifiziellen“ Festlegung der Schwerpunktregionen nicht lange gezögert und die im Land ansässigen Vertreter der madagassischen und deutschen Entscheidungsträger eingeladen, sich fernab vom Schreibtisch selbst ein Bild von der Situation zu machen. „Ich hoffe, es ist uns gelungen, diese zu sensibilisieren, damit die Arbeit noch einige Zeit fortgeführt werden kann, bevor sie vollständig in einheimische Hände übergeht“.
Der aus Bad Hersfeld stammende deutsche Botschafter Dr. Wolfgang Moser brachte nach zweitägigen intensiven Gesprächen mit den Reisbauern vom Volksstamm der Betsileo, die als Landschaftsarchitekten gelten und kunstvolle Reisterrassen ähnlich wie in Asien anlegen sowie mit Bürgermeisterin Marie Honorine Rafenoisasoa und Regionschef René Rasolofoarimanana seinen Eindruck auf den Punkt: „Das Projekt muss nach 2011 noch einige Jahre weitergehen, das ist ganz klar.“ Dr. Moser setzte direkt noch einen drauf und überraschte die Bewohner von Soavina mit einem Scheck über 7.200 Euro (in der Landeswährung 18 Millionen Ariary) für ein von ihnen beantragtes Wasserleitungsprojekt im Ort. Ein weiteres Symbol für die Menschen der Region, dass sie bei ihrem Kampf für mehr Fortschritt nicht alleine gelassen werden.
Dr. Matthias Görgen, der aus einer katholischen Familie stammt, hat bis zum Abitur und auch darüber hinaus im Geburtsort Morscholz gelebt, wo das Elternhaus steht. Das Abitur hat er in Lebach am Staatlichen Aufbaugymnasium im naturwissenschaftlichen Zweig gemacht und dort auch sechs Jahre im dem angeschlossenen katholischen Internat gewohnt. „Diese Zeit hat mich sehr geprägt.“ Mail: keesgoergen@aol.com, Website: www.plae–mada.com
Europe Voyages: Die Kontakte in die Heimat sind nie abgerissen
Irmgard Nothelfer aus Ochsenhausen lebt seit 1965 auf der Tropeninsel Madagaskar / Interessanter Lebenslauf / Reisebüro
Von Klaus Heimer, Antananarivo
Ochsenhausen, Bellamont, England, die Schweiz, Paris und dann Madagaskar, das sind in kurzen Stichworten die geografischen Etappen, die das abwechslungsreiche und interessante Leben der 1935 in dem an der deutschen Barockstrasse gelegenen Ort Ochsenhausen geborenen Irmgard Nothelfer beeinflussten. Seit weit über 40 Jahren lebt und arbeitet sie auf der vor der Südostküste Afrikas gelegenen viertgrössten Insel der Welt. „Die Kontakte in die alte Heimat sind in diesem langen Zeitraum jedoch nie abgerissen. Zwei Mal im Jahr besuche ich in Deutschland Familie und Freunde.“
Als Tochter eines Lehrers in Bellamont im Kreis Biberach aufgewachsen, absolvierte Irmgard Nothelfer in Schwäbisch Gmünd die Handelsschule, bevor sie in Ochsenhausen in einer früheren Gerberei und dann in einer Biberacher Seidenweberei jeweils im Büro für den Schriftverkehr zuständig war. Mit 19 Lenzen zog es sie als Aupair–Mädchen für eineinhalb Jahre in die Nähe von London, anschliessend, um auch noch die französische Sprache zu erlernen, ebenfalls auf Aupair–Basis nach Paris. Dort hat sie dann auch ihren späteren Ehemann, den madagassischen Arzt Professor Dr. Justin Manambelona, kennengelernt, der zu jener Zeit in der Seine–Metropole ein Medizinstudium absolvierte.
Frau Nothelfer schnupperte jedoch zunächst noch in der Schweiz ins Hotelfach, „das mich schon immer besonders interessiert hat“. Es folgten jeweils einjährige Bürotätigkeiten in Wildbaden, Stuttgart und Frankfurt. „Mit meinem spätere Mann blieb ich immer in Kontakt und ich war auch öfter zu Besuch in Paris.“ 1959 wurde dann in der französischen Hauptstadt geheiratet, wo auch die ersten beiden von insgesamt vier Kindern geboren wurden. Die Ochsenhauserin arbeitete in dem Nachbarland als Auslandskorrespondentin für eine Handelsfirma, ihr Mann nutzte nach dem Studienabschluss die Möglichkeit, sich im Fachbereich Nuklearmedizin zu spezialisieren.
„1965 war es dann soweit – wir zogen mit Kind und Kegel nach Madagaskar.“ Professor Manambelona wurde sofort medizinischer Leiter eines Labors für Nuklearmedizin, das zur Universität gehört, an der er auch bis zum Ruhestand Biophysik lehrte. Im Zuge einer übergangsregierung, die 1972 gebildet wurde, war er drei Jahre Kultusminister seines Landes.
Irmgard Manambelona konnte ihr Wissen und die Sprachkenntnisse zunächst als Aushilfe bei der Deutschen Botschaft in der Hauptstadt Antananarivo, die seit 1960 besteht, einsetzen. Dann erhielt sie ein Angebot der Deutschen Lufthansa und war in deren Büro in Madagaskar für den weltweiten Flugscheinverkauf verantwortlich. Seit 1966 war sie offizielle Leiterin der Vertretung dieser Gesellschaft mit dem Kranich auf dem Flügel. Von 1984 bis 1996 übernahm sie einen weiteren Halbtagsjob bei der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, die nach wie vor zahlreiche Entwicklungshilfeprojekte in Madagaskar betreut.
1995 schließlich gründete die couragierte deutsch–madagassische Geschäftsfrau ihr eigenes Reisebüro „Europe Voyages“ mit inzwischen acht Angestellten, davon fünf im Büro. Neben dem reinen Ticketverkauf werden auch erlebnisreiche Touren im Land durchgeführt. 1999 baute Irmgard Manambelona im Geburtsort Ambohitsara ihres Mannes drei Bungalows und ein kleines Restaurant. Der Ort ist von der Außenwelt fast abgeschnitten, „aber für den Tourismus sehr interessant“, schwärmt die aus Oberschwaben stammende Expertin von diesem herrlichen Fleckchen Erde, das nur per Boot erreichbar ist. „Ich habe die Investitionen auch für das Dorf getätigt, dessen Bewohner durch den Verkauf kunstgewerblicher Arbeiten und dank größerer Spenden aus meiner deutschen Heimat, die der Entwicklung und dem Fortschritt zugute kommen, profitiert.“
Nach der langen politischen Krise 2002 in Folge der Staatspräsidentenwahl vom 16. Dezember 2001 läuft jetzt unter dem neuen Präsidenten Marc Ravalomanana, dessen Sohn Joshua in Heidelberg studiert hat, wieder alles normal. „Es steht nichts mehr im Wege, herrliche Sandstrände oder einzigartige Naturreservate mit nur hier vorkommenden Halbaffen (Lemuren) und vielen weiteren endemischen Pflanzen– und Tierarten zu besuchen.“ Wer mit Irmgard Manambelona Kontakt aufnehmen möchte, kann dies gerne tun: Adresse in Madagaskar : Europe Voyages S.A.R,L., Madagascar Travel und Tours, Reisebüro – Reiseveranstalter, Lot II m 84 bis Antsakaviro, B.P. 7533, 101 Antananarivo, Tel. 00 261 20 22 63049/267 21, Fax: 00 261 20 22 630 49, Handy 00 261 32 07 267 21, Mail: irma@moov.mg, Website: http://www.madagascar–nature.eu
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